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Mein Jakobsweg 2023-2024

91. Tag auf dem Jakobsweg – Margerie Chantagret bis Marols🍀

Von Margerie-Chantagret bis Marols

🌄 Dieser Tag auf meinem Weg

Was für ein Wechselbad der Gefühle. Am Vormittag beschäftigt mich noch der ausstehende Lohn von der Weinlese, später kommen Erschöpfung und ernsthafte Zweifel hinzu. Doch der Tag nimmt eine völlig unerwartete Wendung: In Marols treffe ich Ivan und Toni wieder – Vater und Sohn – und werde spontan mit zu ihren Gastgebern eingeladen. Aus einem schwierigen Pilgertag wird am Ende ein wunderschöner gemeinsamer Abend. 🤗🥾🍀

10:03 Uhr – Der Ärger mit der Weinlese geht weiter

Es ist 10:03 Uhr. Ich packe zusammen.

Die Sonne scheint. Es ist sogar heiß direkt in der Sonne.

Die Nacht war eher bescheiden. Keine Ahnung, warum das so ist.

Ich habe dann angefangen, einen Beschwerdebrief zu erstellen, weil die Firma, bei der ich auf der Weinplantage gearbeitet hatte, so kommt es mir jedenfalls vor, sich weigert, die Entlohnung zu verrichten.

Unglaublich, so ist es aber.

Mündlich versprochen wurde mir, das in wenigen Tagen zu erledigen. Bisher geschah das aber nicht und es geht in die vierte Woche, in der ich auf dem Trockenen sitze und mich frage, was das eigentlich für ein Laden ist, bei dem ich gearbeitet hatte.

Ich bin komplett sprachlos.

Wie kann man mit seinen Leuten so umgehen, die ihre Drecksarbeit machen?

Letzte Woche am Freitag hieß es, der Überweisungsbetrag sei in Bearbeitung. Heute haben wir Donnerstag und auf meine Nachfrage über WhatsApp am Dienstag wurde bisher nicht mehr reagiert.

Ich habe jedenfalls über die Nacht einen Beschwerdebrief an eine Institution erstellt und versendet, die der Sache nachgeht.

Was dabei rauskommt oder wann dabei etwas rauskommt – das ist die große Frage der Fragen.

Ich bin gespannt.

Mein Fazit dazu?

Da verlässt man sich auf mündliche Versprechen und Zusagen und wird wie Scheißdreck behandelt bzw. sogar völlig ignoriert.

Das war für mich definitiv das erste und letzte Mal in meinem Leben, dass ich so einen Mist mitmache.

Um so einen Scheiß muss man sich unterwegs noch kümmern.

Ich bin zwar jetzt entspannt, aber die ganzen Tage ist man schon genervt, weil nix passiert.

11:38 Uhr – Vielleicht hat sich das Problem gelüftet

Ich bin on Tour und das Problem könnte sich gelüftet haben, woran das nun gelegen ist.

Ich habe da so eine Ahnung.

Dazu aber später mehr.

12:58 Uhr – Zweifel auf dem Weg

Ich mache eine Pause.

Ich bin müde und erschöpft.

Ich kann nicht leugnen, dass der Weg, ihn täglich zu laufen und draußen zu schlafen, ein einfacher Weg ist.

Inklusive dem Gewicht des Rucksacks und den Herausforderungen, die man sonst noch meistern muss.

Ausstehende Löhne, kaputtes und ausgelatschtes Schuhwerk, der tägliche Auf- und Abbau vom Zelt. Dem Finden eines geeigneten Platzes für die Nacht, die Selbstversorgung mit Proviant und Getränken.

Die zunehmenden kurzen Tage im Herbst.

Es ist ein heftiger Weg. Ohne Zweifel.

Und tatsächlich überkommen mich in letzter Zeit immer wieder und nicht selten auch Zweifel, ob ich es überhaupt noch schaffe, dieses Jahr in Santiago anzukommen.

Ich will nicht mehr. Mir reicht es, steigt es in mir auf, wenn ich wieder mal eine schlechte Nacht hatte.

Wie heute als Beispiel.

Ich stehe, ohne Zweifel, kurz davor, ehrlich gesagt, aufzugeben. Das Handtuch zu werfen und nach Hause zu fahren.

Es fehlt nicht mehr viel dazu.

Wenn das Wetter massiv umschwenkt, zu heftig kalt oder regnerisch wird, vielleicht bin ich dann raus.

Ich weiß es nicht.

Gut möglich ist es aber schon.

Ich bin jetzt genau gute drei Monate on Tour. Und ich habe gefühlt einiges durchgemacht. So kommt es mir jedenfalls vor.

Ich weiß jetzt, wo ich was genau verbessern muss – an meiner Ausrüstung. Wo sozusagen meine Schwachstellen sind.

Das weiß ich jetzt alles.

Aber gut.

Jetzt geht es erst mal weiter.

Ich muss halt mehrere und öfter Pausen machen. Das hilft irgendwie gut, habe ich gemerkt. Also mache ich so weiter.😊

15:49 Uhr – Plötzlich läuft es wieder

Ich mache wieder eine Pause.

Es läuft sich wieder besser.

Ich weiß nicht, woran es gelegen ist. Vielleicht an der Cola, die ich getrunken habe, oder am süßen Stückle, das ich vorher in der Bäckerei gekauft habe.

Danach jedenfalls ist es super gelaufen.

Vielleicht auch, weil ich mich wieder voll beladen habe, mit Wasser und Proviant für den nächsten Tag.

Dann läuft es sich auch manchmal besser, als wenn man zu wenig auf den Schultern hat.

Verrückt irgendwie das Ganze.

Jetzt sieht man auch vermehrt Wanderer mit kleinen und großen Rucksäcken, die hier unterwegs sind.

Mit einem Pärchen habe ich kurz gesprochen. Machen hier auch eine Tour in der Gegend.

Ab ca. 17:00 Uhr – Ivan und Toni verändern meinen Abend

Am Abend gab es noch eine Begegnung mit Ivan und Toni. Vater und Sohn.

Diese habe ich schon vorher im Dorf gesichtet und später dann, als ich eine Pause auf einer Wiese machte, sah ich, dass sie mich überholten.

Ich dachte mir nicht viel dabei und erholte mich erst mal weiter.

Erst später, als ich im Dorf Marols war, sah ich sie wieder und dann ist es zu einem Gespräch und Kennenlernen gekommen.

Ich bin dann sogar mit zu ihnen in die Unterkunft zu ihren Gastgebern eingeladen worden.

Ich habe die Einladung angenommen.

Es gab ein Willkommensbier, Salat als Vorspeise „Olivje“ und als Hauptspeise Kartoffeln und Schweinesteak mit Zwiebeln.

Wein gab es auch dazu.

Zur Nachspeise gab es weiße und rote Weintrauben.

Es war ein sehr schöner Abend. 🤗

Von „Ich will nicht mehr“ zu einem wunderschönen Abend

Dieser Tag zeigt ziemlich deutlich, wie schnell sich die Stimmung auf meinem Jakobsweg verändern kann.

Mittags sitze ich erschöpft da und frage mich ernsthaft, ob ich Santiago dieses Jahr überhaupt noch erreichen werde. Drei Monate unterwegs, schwerer Rucksack, schlechte Nächte, kaputte Ausrüstung, die tägliche Suche nach einem Schlafplatz und nebenbei noch der Ärger wegen meines ausstehenden Lohnes.

Einige Stunden später sitze ich mit Menschen zusammen, die ich am Morgen noch überhaupt nicht kannte.

Ivan und Toni tauchen zunächst einfach irgendwo auf meinem Weg auf. Später begegnen wir uns in Marols erneut – und plötzlich sitze ich bei einem privaten Gastgeber, trinke ein Willkommensbier und esse gemeinsam mit ihnen zu Abend.

Genau solche Wendungen kann man morgens nicht planen.

Tagesbilanz

KategorieTag 91
📍 EtappeMargerie-Chantagret bis Marols
👣 Schritte15.317
🏡 Übernachtungprivater Gastgeber
💶 Ausgaben18 €
👁️ Distanz bis Le Puy69 km
☀️ Wettersonnig, in der Sonne teilweise heiß
😴 Verfassungmüde und erschöpft
💭 GedankenZweifel am weiteren Weg bis Santiago
⏸️ Was geholfen hathäufigere Pausen
🤝 Begegnung des TagesIvan und Toni
🍽️ Abendgemeinsames Essen beim Gastgeber

Fazit des Tages

Der 91. Tag auf meinem Jakobsweg hatte zwei völlig unterschiedliche Seiten.

Am Vormittag der Ärger wegen des ausstehenden Geldes. Mittags die Erschöpfung und der Gedanke, dass vielleicht irgendwann der Punkt kommt, an dem ich das Handtuch werfe.

Und dann gehe ich trotzdem weiter.

Nach einer Pause, einer Cola und einem süßen Stückle läuft es plötzlich wieder besser.

Am Abend folgt schließlich eine dieser Begegnungen, die man nicht planen kann: Ivan und Toni.

Aus einer zufälligen Begegnung wird ein gemeinsamer Abend mit Bier, Essen, Wein und Gesprächen bei einem privaten Gastgeber.

Vielleicht ist genau das eine der größten Besonderheiten dieses Weges: Ein Tag, der sich mittags noch richtig schwer anfühlt, kann am Abend vollkommen anders enden.

Und Le Puy?

Nur noch 69 Kilometer. 🥾🍀

Buen Camino


Bilder des Tages 📷

Die Bilder des Tages zeigen wieder die vielen schönen und abwechslungsreichen Eindrücke meiner Etappe – von weiten Landschaften und Kühen am Wegesrand bis zu kleinen französischen Orten mit ihren beeindruckenden, vollständig aus Stein gebauten Häusern.

Dazu kamen die ersten Begegnungen mit anderen Pilgern, die ich später noch einmal treffen sollte und durch die dieser Tag schließlich einen ganz besonderen Abschluss bekam. 🐄🌄🏘️🥾🍀

Olivje auf französisch
Kartoffel mit Schweinefleisch, habs dann leider nicht vertragen 😥

💡 Gut zu wissen: Marols

Marols ist nicht einfach nur ein kleines französisches Dorf am Wegesrand. Der auf rund 840 Metern Höhe gelegene Ort trägt die Auszeichnung „Village de caractère“ und ist für seine alten Steinhäuser, gepflasterten Gassen und seine mittelalterlichen Befestigungsreste bekannt.

Der Ort entwickelte sich bereits im 12. Jahrhundert und wurde später befestigt. Besonders auffällig ist die Kirche mit ihrem integrierten Wehrturm und ihren romanischen und gotischen Elementen.

Für mich als Pilger besonders interessant: Marols liegt an einer historischen Route und ist heute eine wichtige Station für Wanderer auf dem Weg Richtung Santiago de Compostela.

Seit 2013 hat sich Marols außerdem als Künstlerdorf etabliert. Kein Wunder also, dass mir die Architektur und die vollständig aus Stein gebauten Häuser an diesem Tag so sehr aufgefallen sind. 🏘️🎨🐚


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