Im Angesicht der endlosen Hitze
Zeit: 08:38 Uhr – Ein ruhiger Start
Ich sitze draußen vor meinem Zelt und trinke meinen zweiten 100-ml-Kaffee.☕ Ich komme langsam zur Besinnung.
Die Nacht war in Ordnung.
Gestern Abend hatte ich mich noch mit einem feuchten Waschlappen abgefrischt. Das hat tatsächlich geholfen, dieser ekelhaften Klebrigkeit durch den vielen Schweiß etwas entgegenzuwirken.
Heute Morgen lasse ich es langsam angehen.
Denn eines wird mir auf diesem Weg immer bewusster:
Wozu eigentlich die Eile?

Zeit: 12:55 Uhr – Aufbruch in die Mittagssonne
Gegen 12 Uhr habe ich Contrexéville verlassen.
Vorher wurde ausgiebig gefrühstückt.
Nun laufe ich ausgerechnet in der prallen Mittagssonne los.
Früher war es einfach nicht möglich.
Aber was soll’s?
Ich bleibe gelassen und starte eben dann, wenn ich bereit dazu bin.
Nicht früher.
Nicht, weil irgendeine Uhr sagt, dass ich loslaufen müsste.
Sondern dann, wenn es für mich passt.
Und dazu fällt mir eine kleine Geschichte ein.
Warum rennen wir eigentlich?
Da war dieser Mensch.
Er rannte und rannte, als wäre er von der Tarantel gestochen.
Doch eigentlich wusste er überhaupt nicht, warum er rannte.
Er vergaß sich dabei irgendwann selbst.
Wurde sogar krank davon.
Aber Rennen war schließlich normal.
Alle anderen taten es doch auch.
Also rannte auch er.
Bis eines Tages Gott zu ihm sprach:
„Warum rennst du, mein Sohn? Warum diese Eile? Du hast alle Zeit der Welt.“
Er sollte sich besinnen.
Sich selbst fragen, ob dieses ständige Rennen tatsächlich notwendig war.
Nur weil alle anderen etwas tun, bedeutet das schließlich nicht, dass DU es ebenfalls tun musst.
Und irgendwann besann er sich.
Ein Geist der Ruhe und des Friedens und der Glückseligkeit kam über ihn.
Plötzlich merkte er, wie er innerlich zur Ruhe kam.
Ohne dieses ständige Rennen irgendwo ankommen zu müssen.
Und ohne immer etwas haben zu wollen.
Ohne immer noch mehr besitzen zu wollen.
Es reicht auch manchmal einfach, nur genügsam zu sein.
Zufrieden mit dem zu sein, was gerade da ist.
Und er verstand:
Man darf auch einfach einmal in der Ruhe verbleiben.
Denn wofür dieser künstliche Stress?
Mitnehmen kann ich am Ende ohnehin nichts.

Zeit: 14:57 Uhr – Wasser und zwei Baguettes
Ich bin mittlerweile an Dombrot-le-Sec vorbeigekommen.
Im Ort habe ich bei der Gemeinde nach Wasser gefragt.
Natürlich auf Französisch.
Die Standardfloskeln habe ich inzwischen einigermaßen drauf.
Das freut mich.
An einem Automaten kaufe ich anschließend zwei Baguettes für heute Abend.
Bezahlt wird problemlos mit Karte.
Was mir in Frankreich immer wieder auffällt: Kartenzahlung funktioniert vielerorts ausgesprochen unkompliziert – selbst bei kleinen Beträgen und Automaten.
Für mich unterwegs ist das praktisch.
Bargeld kann verloren gehen. Eine Karte lässt sich sperren und ersetzen.
Natürlich gibt es auch die andere Seite:
Funktioniert die Karte einmal nicht, steht man da wie bestellt und nicht abgeholt.
Deshalb habe ich mehrere Karten dabei.
Und einen kleinen Notgroschen in bar natürlich ebenfalls.
Man weiß ja nie. 🙄
Zeit: 15:52 Uhr – Der Rucksack meldet sich wieder
Kleine Pause.
Dabei entdecke ich gleich die nächste Baustelle.
An meinem Rucksack gibt es zwei weitere Stellen, die verstärkt werden sollten.
Der Gute macht inzwischen wirklich einiges mit.
Nadel und Faden werden also vermutlich bald wieder zum Einsatz kommen.
Zeit: 17:04 Uhr – Endlose Weite
Diese endlose Weite.
Diese endlose Stille.
Dieser scheinbar endlose Weg.
Ich gehe an Feldern vorbei.
Feld um Feld.
Über mir die herabprallende Hitze – auch Sonne genannt.
Der Himmel ist strahlend blau.
Nur weit entfernt erkenne ich einige winzige Wolken.
Der Schweiß tropft mir über das Gesicht und verklebt die Augen.
Wann komme ich an?
Wo ist meine Destination?
Noch ein paar Schritte.
Dann sehe ich einen Schattenplatz mit Bank und Tisch.
Ich setze mich.
Atme durch.
Entspanne mich.
Und schaue hinaus in die Ferne.
Meine Füße sind müde.
Erschöpft.
Sie brauchen wieder einmal eine längere Pause.
Es ist inzwischen mein vierter Lauftag am Stück.
Viel werde ich heute nicht mehr machen.
Vielleicht noch eine gute Stunde.
Menschen begegnen mir keine.
Gelegentlich fährt ein Auto vorbei.
Irgendwo in der Ferne höre ich einen Traktor.
Ansonsten:
Weite und Stille.
Jetzt hoffe ich nur noch, irgendwo meinen Wasservorrat auffüllen zu können.
Zeit: 19:08 Uhr – Angekommen
Ich habe meine heutige Destination erreicht.
Und diese Etappe war hart.
Ein scheinbar endloser Weg führte geradeaus ins Nichts.
Pralle Hitze.
Ein Hauch von Wind.
Und dazu immer wieder diese Unsicherheit:
Reicht mein Wasser?
Werde ich noch jemanden treffen, den ich nach Wasser fragen kann?
Gerade bei dieser Hitze ist das kein angenehmer Gedanke.
Doch zum Ende hin ergab sich – Gott sei Dank – noch eine Gelegenheit.
Wasser.
Was für eine Erleichterung. 🤤
Zeit: 21:35 Uhr – Das Konzert der Grillen
Ich bin satt.
Aber auch fertig wie ein geschundener Hund.
Draußen ist es wunderbar ruhig.
Mein Platz liegt etwas versteckt auf einem Feld hinter einigen Bäumen.
Genau richtig.
Und dann höre ich sie.
Die Grillen.
Ihre Melodie begleitet mich in den Abend.
Ich höre ihnen gerne zu.
Es ist ein angenehmes Geräusch.
Fast wie ein nettes Gespräch mit einem guten Freund.
Nur eben etwas anders.
Irgendwie vertraut. ❤️
Tagesbilanz
| Kategorie | Tag 40 |
|---|---|
| Start | Contrexéville |
| Unterwegs | Dombrot-le-Sec |
| Strecke | ca. 14 km |
| Schritte | 23.400 |
| Übernachtung | Wildcamping |
| Ausgaben | 2,20 € |
| Wetter | sehr heiß und sonnig |
| Größte Herausforderung | Hitze & Wasserversorgung |
| Ausrüstung | zwei neue Schwachstellen am Rucksack |
| Tagesgedanke | Wozu die Eile? |
Gut zu wissen: Hitze verändert die Planung
Auf diesen Tagen merke ich zunehmend, dass bei großer Hitze nicht allein die Entfernung darüber entscheidet, wie schwierig eine Etappe wird.
Schatten, Wasser und Pausen werden mindestens genauso wichtig.
Ein scheinbar einfacher Weg über offene Felder kann bei wolkenlosem Himmel wesentlich anstrengender werden als eine längere Strecke durch einen schattigen Wald.
Gerade die Wasserversorgung beschäftigt mich inzwischen täglich. Was auf der Karte wie ein Bach oder Wasserlauf aussieht, muss im Sommer nicht zwangsläufig genügend nutzbares Wasser führen.
Deshalb frage ich mittlerweile auch in den Dörfern nach.
Und ganz nebenbei passiert dadurch etwas Schönes:
Mein Französisch wird praktisch.
Aus ein paar gelernten Sätzen werden Werkzeuge, die ich auf meinem Weg tatsächlich gebrauchen kann.
Persönliches Fazit – Wozu die Eile?
Vielleicht braucht es manchmal erstaunlich wenig, um genug zu haben.
Vielleicht war genau diese Frage heute wichtiger als meine 14 gelaufenen Kilometer:
Wozu eigentlich die Eile?
Ich hätte früher aufbrechen können.
Vielleicht hätte ich mehr Kilometer geschafft.
Vielleicht wäre ich heute Abend zehn Kilometer weiter.
Aber warum?
Ich habe Zeit.
Ich darf frühstücken, meinen Kaffee trinken, mich ausruhen und erst dann loslaufen, wenn ich bereit bin.
Auf dem Weg merke ich immer deutlicher, wie sehr unser Alltag vom Rennen geprägt sein kann.
Schneller sein.
Mehr schaffen.
Mehr besitzen.
Weiterkommen.
Doch hier draußen interessiert das niemanden.
Am Abend sitze ich hinter ein paar Bäumen auf einem Feld.
Ich bin satt.
Ich habe Wasser.
Mein Zelt bietet mir einen Platz für die Nacht.
Und die Grillen spielen ihr Konzert.
Buen Camino
Bilder des Tages📸



















Weitere Berichte meiner Pilgerreise 🗺️
Wenn du meinen Weg bis zum Ende verfolgen möchtest, könnten dich diese Beiträge ebenfalls interessieren:
2 Antworten auf „40. Tag auf dem Jakobsweg – im Angesicht der Hitze 🏜️“
Wir verfolgen dich auf auf dem Weg und freuen uns für dich. Der HERR ist unsere Stärke und Sinn des Lebens. Egal wo man ist und egal was man tut.
Dankeschön ❤️