Von Saint-Privat-d’Allier bis Saugues
🌄 Dieser Tag auf meinem Weg
Ausgerechnet mein 100. Tag auf dem Jakobsweg wird zu einem Tag, an dem es weniger um Kilometer und mehr um Menschen geht. Ich treffe die beiden französischen Freundinnen von gestern wieder und entscheide mich, mit ihnen gemeinsam nach Saugues zu laufen. Wir reden, lachen, teilen unser Essen und erleben kurz vor dem Ziel einen Moment, der die beiden zu Tränen rührt – und auch an mir nicht spurlos vorbeigeht. 🥾❤️🌄
18:54 Uhr – Angekommen in Saugues
Es ist 18:54 Uhr.
Ich bin in einer Gîte für 15 Euro die Nacht untergekommen.
Es ist auch heute eine schöne Unterkunft. Andere Pilger sind nicht in meinem Zimmer, das mit drei Betten ausgestattet ist.
Der Tag verlief richtig schön.
Die Mädels von gestern
Nach dem Start in der Früh habe ich eine Stunde später die Mädels von gestern wieder getroffen.
Ich habe darüber noch gar nicht gesprochen.
Es sind zwei Mädels, zwei Mütter, zwei Freundinnen mit jeweils zwei Kindern im mittleren Alter, die ihrem Alltag für vier Tage entfliehen wollten und es hiermit auch taten.
Beide haben auch denselben Namen.
Amandi heißen die beiden.
Verrückt irgendwie.
Aber so ist es.
Wir liefen schon gestern ein Stück des Weges und heute habe ich mich entschlossen, den ganzen Tag mit den beiden zu laufen.
Es war echt schön.
Mit Händen, Füßen, Englisch und Google
Beide sprechen gebrochen Englisch, aber das Interesse auf beiden Seiten war entsprechend hoch und wir haben uns weitgehend gut unterhalten können.
Ich habe einiges an französischen Kenntnissen erwerben können.
Die Unterhaltung ist immer weiter und weiter gegangen und ist kaum ins Stocken geraten.
Wenn mal ein Wort nicht gewusst wurde, wurde bei Google danach gesucht.
Die beiden waren humorvoll und es wurde nicht langweilig.
Es war richtig cool.
Gemeinsam essen und alles teilen 🍲
Um halb drei haben wir gemeinsam gegessen.
Dazu haben wir uns auf den Boden gesetzt und alles, was wir an Essen hatten, ausgepackt und geschwisterlich geteilt.
Die Landschaft selbst war überwältigend und ist, fast wie immer, kaum in Worte zu umschreiben.
Die beiden waren von ihrer Reise so überwältigt, dass sie am letzten Tag auch traurig waren.
Ein Moment voller Ehrfurcht
An einem bestimmten Punkt, vielleicht dreißig Minuten vor der Ankunft in Saugues, war für die beiden ein komplett intensiver Moment, der sich in Tränen widergespiegelt hat.
Der Anblick der Landschaft, kombiniert mit der Sonne und den Wolken, als wir vom Berg runter ins Tal marschiert sind, war ein Moment der besonderen Erkenntnis, wie unglaublich schön doch diese Welt ist, in der wir leben und die uns umgibt.
Ein Moment voller Ehrfurcht.
Ein Moment, an dem die beiden innerlich stark berührt und von ihren Tränen überrascht wurden.
Auch mich hat es ein wenig erwischt.
Vielleicht nicht so ganz wie die beiden, aber doch ein wenig.
Ich war fast davor, mit den beiden zu heulen.
Aber ich bin dann doch noch etwas verhärtet.
Mein Herz und meine Gefühle haben es noch schwer, sich zu öffnen, bemerkte ich.
Manchmal sind die Menschen wichtiger als der Plan
Die beiden Freundinnen bedankten sich herzlich, dass ich sie heute begleitet habe.
Sie haben sich sehr darüber gefreut.
Für mich war das eine sehr bemerkenswerte Erfahrung.
Ich hoffte gestern noch, ehrlich gesagt, dass ich die beiden vielleicht heute auf dem Weg treffe, als ich die gestrigen Bilder sah, die ich von uns dreien geschossen hatte.
Und das ist tatsächlich geschehen.
Aber mein Plan war ja, so schnell wie möglich und so viel wie möglich für heute zu laufen.
Aber es war nicht möglich.
Ich konnte es nicht.
Ich konnte nicht einfach vorbeiziehen, schnell die Telefonnummer austauschen und auf und davon abziehen.
Und es war gut so.
Ein kleines Stück tiefer ins Französische eingetaucht
Ich hatte heute die Chance, etwas mehr ins Französische abzutauchen, vorhandene Kenntnisse zu vertiefen und manches Neue kennenzulernen.
Ich sagte dann beim Abschied, dass wir uns in zwei Jahren sehen werden und vielleicht spreche ich schon deutlich besser Französisch und werde sie damit überraschen?
Mit Tränen in den Augen verabschiedeten wir uns, wobei die beiden in Tränen standen und nicht ich.
Ich brauche wahrscheinlich noch ein paar tausend Kilometer mehr, um an den Punkt zu kommen, bei dem ich mich im Herzen öffnen kann.
Vielleicht dann wieder beim Wiedersehen?
Was ich auch noch schön fand, ist, dass die beiden das Pilgern für sich entdeckt hatten.
Das nächste Mal würden sie gerne sieben Tage laufen, statt wie bisher vier Tage.
Ich sagte:
Das ist ein guter Plan.
Und freute mich für die beiden.
Tagesbilanz
| Kategorie | Tag 100 |
|---|---|
| 📍 Etappe | Saint-Privat-d’Allier → Saugues |
| 👣 Schritte | 38.732 |
| 🏡 Übernachtung | Gîte |
| 🛏️ Zimmer | 3 Betten, heute für mich allein |
| 💶 Ausgaben | 23,70 € |
| 🤝 Wegbegleitung | die beiden französischen Freundinnen |
| 🥖 Besonderer Moment | gemeinsames Essen und Teilen |
| 🌄 Emotionalster Moment | Abstieg Richtung Saugues |
| 🇫🇷 Nebenbei gelernt | Französisch durch gemeinsame Gespräche |
| 👁️ Distanz bis Saint-Jean-Pied-de-Port | 702 km |
Fazit des Tages
Mein 100. Tag auf dem Jakobsweg hätte eigentlich ein Tag werden sollen, an dem ich möglichst schnell möglichst viele Kilometer mache.
Dann traf ich die beiden wieder.
Und plötzlich war der ursprüngliche Plan nicht mehr wichtig.
Statt einfach vorbeizuziehen, verbrachte ich den ganzen Tag mit zwei Menschen, die ich erst kurz zuvor kennengelernt hatte. Wir verständigten uns irgendwie auf Englisch, Französisch und mit Google, lachten miteinander und teilten später unser Essen auf dem Boden.
Kurz vor Saugues kam dann dieser besondere Moment.
Die Landschaft, die Sonne, die Wolken und der Blick hinunter ins Tal lösten bei den beiden etwas aus. Plötzlich flossen Tränen.
Und auch bei mir bewegte sich etwas.
Vielleicht ist genau das eine der Erfahrungen, die dieser Weg immer wieder mit sich bringt:
Nicht jeder Umweg kostet Zeit. Manche Begegnungen schenken einem etwas, das man beim schnellen Vorbeilaufen niemals bekommen hätte.
38.732 Schritte sind es am Ende trotzdem geworden.
Aber wahrscheinlich sind es heute nicht die Schritte, an die ich mich später erinnern werde.
Es sind die Menschen. 🥾❤️🌄
Buen Camino
Bilder des Tages 📸
Die Bilder des Tages zeigen die ganze Vielfalt dieser Etappe: von der Gîte und alten französischen Steinhäusern über kleine Kirchen und Kapellen bis hin zu herrlichen Landschaften und interessanten Informationen am Wegesrand.
Besonders in Erinnerung bleiben aber die Begegnungen mit anderen Pilgern und der gemeinsame Weg mit Amandine und ihrer Freundin – ein wunderschöner Tag voller Landschaft, Geschichte und menschlicher Begegnungen. 🥾🌄⛪🤝
































































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