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Mein Jakobsweg 2023-2024

25. Tag auf dem Jakobsweg – der erste Sonnentag 🌝

Endlich wieder Sonne

Zeit: 08:50 Uhr

Ich habe so lala geschlafen, aber auch nicht wirklich schlecht.

Jetzt mache ich mir erst einmal einen schönen Espresso.

Die Sonne scheint heute endlich durch die Wolkendecke brechen zu wollen – so, wie es bereits angekündigt wurde.

Ich bin gespannt, wie es HEUTE auf meinem Weg Richtung Toul laufen wird.

Es sind nur noch wenige Kilometer – genauer gesagt etwa 72 km – bis dorthin. Damit hätte ich dann mein zweites größeres Etappenziel erreicht.

Danach folgen:

3. Dijon
4. Chalon-sur-Saône
5. Lyon

Und letztendlich:

Le Puy-en-Velay.

Bis dahin sind es allerdings noch einige Kilometer.

Die Gesamtstrecke dieser ersten großen Etappe von zu Hause in Bad Wildbad bis Le Puy-en-Velay liegt bei rund 1.035 km.

Und danach kommen noch viele weitere Kilometer bis Saint-Jean-Pied-de-Port, bevor es schließlich über die Pyrenäen nach Spanien geht.

Die nächsten Tage sollen schöner werden.

Vielleicht hilft mir das dabei, etwas besser voranzukommen.

Immerhin werde ich zunehmend fitter.

Die Schmerzen, die mich zu Beginn noch begleitet haben, werden weniger.


Zeit: 09:50 Uhr – Warum lange Wege tiefer gehen

Ich sagte einmal zu einem Jungen, der mir auf dem Westweg begegnet ist:

Wenn du etwas länger machst – beispielsweise eine längere Wanderung –, dann geht die Erfahrung mehr in die Tiefe. Machst du etwas nur kurz, bleibt sie eher an der Oberfläche.

Es ist definitiv ein Unterschied, ob ich eine Tagestour mache oder zwölf Tage unterwegs bin.

Und es ist noch einmal ein viel größerer Unterschied, wenn ich etwas über Monate mache – drei oder vier Monate oder vielleicht sogar länger.

Die Erfahrungen gehen tiefer.

Vergleichen könnte man das mit Berufserfahrung.

Es ist schließlich ein Unterschied, ob ich einen Beruf einen einzigen Tag ausübe oder über viele Jahre.

Mit der Zeit sammelt man nicht nur Erfahrung, sondern entwickelt ein tieferes Verständnis für das, was man tut.

Schon drei Monate können einen deutlichen Unterschied gegenüber einem einzigen Tag oder zwei Wochen ausmachen.

Das Spektrum der Erfahrungen erweitert sich mit der Zeit.

Man dringt immer tiefer ein.

Es ist schön, eine Sache einmal kurz an der Oberfläche anzukratzen, um sich eine Vorstellung davon zu machen.

Aber es ist nicht dasselbe, wie wirklich darin einzutauchen.

Ich behaupte, mit einer Beziehung zwischen zwei Menschen verhält es sich nicht viel anders.

Auch sie kann mit der Zeit immer mehr in die Tiefe gehen.

Ob der Junge damals verstanden hat, was ich ihm sagen wollte?

Vielleicht.
Oder vielleicht irgendwann.
Vielleicht auch nicht.


Zeit: 14:38 Uhr – Nicht nur vorbeilaufen

In dem Ort, in dem ich zwei Baguettes für den Weg und die nächsten Tage kaufen wollte, kam ich leider zu spät.

Um 12 Uhr hatten die Geschäfte bereits geschlossen.

Wahrscheinlich musste es so sein.

Sonst wäre es schließlich nicht so, wie es jetzt ist.

Also zog ich ohne meine geplanten Einkäufe weiter.

Unterwegs begann ich damit, Müll, den ich sah, einzusammeln, der immer wieder an den Straßenrändern lag und vermutlich teilweise aus vorbeifahrenden Autos geworfen wurde.

Als meine Tüte voll war, stellte ich sie gut sichtbar ab.

Man kann sich darüber aufregen, dass Menschen ihren Müll einfach in die Natur werfen.

Aber viel ändern wird das allein vermutlich nicht.

Ich würde mich deshalb über jeden Wanderer, Pilger oder Spaziergänger freuen, der sich unserer Natur bewusst ist und unterwegs hin und wieder ein kleines bisschen Müll aufsammelt und bei nächster Gelegenheit ordentlich entsorgt.

Auch ich bin zuvor immer wieder daran vorbeigelaufen.

Bis ich irgendwann für mich den Entschluss fasste:

Wenn es gerade möglich ist, kann ich wenigstens eine Kleinigkeit aufsammeln.

Werde ich das jetzt immer machen?

Ich weiß es nicht.

Aber hin und wieder sicherlich.

Es kostet nicht viel Aufwand.

Und hinterher hat man das Gefühl, wenigstens etwas getan zu haben.

Denn ich glaube, wir alle dürfen gerne den ersten Schritt selbst machen.

Wenn wir immer nur vorbeilaufen und darauf hoffen, dass es irgendwann jemand anderes macht, ist das schließlich auch keine Lösung.


Zeit: 20:27 Uhr

Ich bin an meinem Nachtlager angekommen.

Es ist wunderschön hier.

Ruhig.

Und ich habe einen grandiosen Ausblick.

Um mich herum sind nur Felder.

Einfach der Wahnsinn.

Vorhin kam ich in Grémecey mit einem Einheimischen ins Gespräch.

Er konnte Englisch und erkundigte sich danach, was ich mache und wohin ich unterwegs bin.

Er fragte mich, ob ich Wasser brauche, und bot mir sogar einen Schlafplatz an.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich lehnte dankend ab.

Zum einen hatte ich noch genügend Wasser und zum anderen wollte ich noch ein Stück weiterlaufen.

Außerdem schlafe ich momentan einfach gerne irgendwo abseits, wo es ruhig ist und ich möglichst ungestört sein kann.

Ich bin zurzeit gerne autark.

Unabhängig.

Freiheitsliebend.

Vielleicht ändert sich das irgendwann.

Ich weiß es nicht.

Sollte ich einmal wirklich in Not geraten, würde ich mich über ein solches Angebot vermutlich umso mehr freuen. 😊


Zeit: 21:35 Uhr

Ich koche mir noch mein Abendmahl.

Suppe.

Zum Glück ist sie gleich fertig.

Einen lieben Gruß an meine Eltern und an dich, Melitta.

Danke für euer Feedback und eure Kommentare.

Zu Beginn meiner Pilgerung hatte ich einige wunderschöne Tage.

Das Unwetter hier in Frankreich habe ich zum Glück ebenfalls gut überstanden. 😊🚿🇫🇷

Von Überschwemmungen habe ich hier nichts mitbekommen.

Teilweise war das Wetter aber sehr anstrengend, mühsam und nervig.

Vor allem der Wind.

Bis bald. 😘


Tagesbilanz

Kategorie25. Tag
Streckeca. 18 km
Schritte33.110
ÜbernachtungWildcamping
Ausgaben0 €
RichtungToul
BesonderheitEndlich wieder Sonne
BegegnungHilfsbereiter Einwohner von Grémecey

Persönliches Fazit – Manche Erfahrungen brauchen Zeit

Deinen Gedanken von 09:50 Uhr würde ich unbedingt als Herzstück dieses Tages herausstellen. Denn inzwischen bist du fast vier Wochen unterwegs und kannst genau das, worüber du damals gesprochen hast, am eigenen Körper erleben.

Und genau deshalb geht dieser Weg für mich mit jedem weiteren Tag ein kleines Stück tiefer.

Persönliches Fazit – Manche Erfahrungen brauchen Zeit

Heute musste ich wieder an etwas denken, das ich einmal einem jungen Wanderer auf dem Westweg gesagt hatte:

Je länger wir etwas tun, desto tiefer kann die Erfahrung werden. Nicht das Flüchtige und Schnelle, sondern eher das Lange und Ausdauernde – hier spielt die Musik.

Nach einem Tag Wandern weiß ich, wie sich Wandern anfühlt.

Nach einigen Wochen unterwegs weiß ich aber langsam, wie sich ein Leben auf dem Weg anfühlt.

Das ist ein Unterschied.

Mein Körper hat sich verändert. Die Schmerzen vom Anfang werden weniger. Das Zelt ist längst kein fremder Schlafplatz mehr. Ich brauche weniger Dinge, genieße die Ruhe stärker und habe zunehmend meinen eigenen Rhythmus gefunden.

Vielleicht brauchen manche Erkenntnisse einfach Zeit.

Man kann vieles lesen, erklärt bekommen oder für einen Tag ausprobieren. Aber manche Dinge versteht man erst, wenn man sie lange genug lebt.


Bilder des Tages 📸

Nach all den grauen und stürmischen Tagen zeigte sich endlich wieder die Sonne: Die folgenden Bilder erzählen von weiten Landschaften, kleinen Momenten am Wegesrand und einem wunderschönen Nachtlager mitten in der Natur.

Hundemüde😴 erstmal ruhen dann Zelt aufbauen 🏕️
Schöner Ausblick am Abend vom Nächtigungsplatz 🌄
Hey!!! Mach mich nicht an, sonst werde ich ungemütlich 🙂 ich bin müde und muss schlafen 😴

Weitere Berichte meiner Pilgerreise 🗺️

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