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Mein Jakobsweg 2023-2024

85. Tag auf dem Jakobsweg – Soucieu en Jarrest bis Saint-Martin-en-Haut 🏞️

Von Soucieu-en-Jarrest bis Saint-Martin-en-Haut

🌄 Dieser Tag auf meinem Weg

Heute erwischt mich einer dieser Tage, an denen einfach alles zu viel wird. Die kalten Nächte, mein schwerer Rucksack, die kürzer werdenden Tage und dann auch noch das ausstehende Geld von der Weinlese. Am Nachmittag bin ich an einem echten Tiefpunkt angekommen. Doch nach etwas Essen verändert sich meine Stimmung wieder. Ich laufe weiter – vorbei an unzähligen Obstplantagen – und finde am Abend sogar einen schönen Platz mit Aussicht. Manchmal kann sich ein Tag innerhalb weniger Stunden komplett verändern. 🥾🌄

10:43 Uhr – Die Nächte werden kälter

Es ist 10:43 Uhr. Ich starte.

Die Nacht war ab halb drei Uhr morgens deutlich kälter. Es war ungemütlich.

Ich bin froh, dass jetzt die Sonne scheint. 🌅

12:08 Uhr – Das Geld von der Weinernte fehlt noch

Ich bin unterwegs. Setze mich aber wieder hin. Mache eine Pause.

Das Geld von der Weinernte habe ich noch nicht bekommen.

Unglaublich.

Obwohl ich sagte, ich bräuchte es dringend und schnell, weil ich ja auf dem Jakobsweg bin.

Das war definitiv das erste und letzte Mal, dass ich für diese Firma etwas gemacht habe.

So ein unprofessioneller Laden, das hätte ich nicht gedacht.

Die Leute muss man normalerweise so schnell wie möglich auszahlen. Hier läuft es scheinbar anders.

Vorhin bin ich an einer riesigen Apfelplantage und Kirschplantage vorbeigelaufen.

Von der Arbeit als Erntehelfer habe ich aber erst mal genug. 🤮

14:28 Uhr – Ich habe keine Lust mehr

Ich muss ehrlicherweise zugeben:

Ich bin an einem Punkt, wo ich sagen möchte, ich habe keine Lust mehr.

Es kotzt mich alles an.

Ich will nicht mehr. Mir reicht es.

Angefangen mit der Auszahlung von der Weinfirma, die nicht getätigt wurde, bis zu den kalten Nächten und dem schweren Rucksack.

Bei den derzeit langen Nächten geht es dann weiter, inklusive dem bescheidenen Zelt, das ich am besten mit Benzin übergießen und verbrennen würde.

Ich bin an einem Tiefpunkt, an dem ich mich gerne in die Luft schießen würde.

Und ich bin dabei, die weiße Flagge zu hissen.

Ich gebe auf.

Andererseits kann ich nicht aufgeben. Ich muss weiter. Es gibt keine andere Option.

Jetzt esse ich erst mal was, sonst drehe ich komplett am Rad. 💥

17:19 Uhr – Nach dem Essen geht es wieder aufwärts

Nach dem Essen ging es aufwärts.

Ich fühle mich besser, etwas optimistischer und bin ein gutes Stück gelaufen.

Ich mache jetzt erst mal eine Pause.

Die kurzen Tage machen mir dennoch zu schaffen. Es belastet mich psychisch, ehrlich gesagt.

Es setzt mich unter Druck.

Das mag ich nicht.

Ich mag es nicht, unter Druck zu stehen. Aber so wirkt es auf mich.

Es ist eine völlig neue Erfahrung für mich, die ich so noch nicht wahrgenommen habe – bis JETZT.

Die „Zeit rennt mir davon“-Erfahrung. 😵

19:49 Uhr – Ein schöner Platz zum Abschluss

Ich bin im Zelt.

Ich habe einen schönen Platz und eine schöne Aussicht.

Mein Rückblick zu heute?

Ich bin an zig Apfelplantagen und Kirschplantagen vorbeigekommen.

Die Plantagen werden alle extra mit Wasser versorgt. Ich habe überall Leitungen an den Bäumen gesehen.

Es scheint eine dürre Umgebung mit wenig oder nicht ausreichend Wasser zu sein.

Auch die Flüsse und Bäche sehen eher trocken aus.

Hier gibt es also sehr wenig Wasser beziehungsweise kein Wasser.

Ich frage mich:

Woher nehmen die Franzosen eigentlich das viele Wasser?

Tagesbilanz

KategorieTag 85
📍 EtappeSoucieu-en-Jarrest bis Saint-Martin-en-Haut
👣 Schritte18.861
🏡 ÜbernachtungWildcamping
💶 Ausgabenkeine
👁️ Distanz bis Le Puy132 km
🥶 Nachtab ca. 02:30 Uhr deutlich kälter
🍎 Unterwegszahlreiche Apfel- und Kirschplantagen
💶 ÄrgernisGeld von der Weinernte noch nicht erhalten
😵 TiefpunktErschöpfung, Kälte, schwerer Rucksack & Zeitdruck
🍽️ WendepunktEssen bringt neue Kraft und Optimismus
🌄 Tagesendeschöner Wildcampingplatz mit Aussicht

Vom Tiefpunkt zurück auf den Weg

Dieser Eintrag gehört für mich zu den Tagen, an denen besonders deutlich wird, was eine solche Reise neben all den wunderschönen Landschaften ebenfalls bedeutet.

Es ist nicht immer Freiheit, Sonnenuntergang und grandiose Aussicht.

Heute kommt vieles gleichzeitig zusammen: Die Nächte werden kälter. Der Rucksack bleibt schwer. Die Tage werden kürzer. Das Geld von meiner Arbeit bei der Weinlese ist noch immer nicht da.

Und plötzlich reicht es mir einfach.

Ein paar Stunden später sieht die Welt schon wieder anders aus.

Ich esse etwas, bekomme neue Energie und merke, wie auch meine Stimmung wieder nach oben geht.

Das Problem ist damit nicht verschwunden. Aber ich kann wieder weiterlaufen.

Fazit des Tages

Heute bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich am liebsten die weiße Flagge gehisst hätte.

Nach mittlerweile 85 Tagen auf dem Jakobsweg macht sich die Belastung bemerkbar. Besonders die kalten und langen Nächte setzen mir zu. Gleichzeitig entsteht ein neuer Druck: Die Tage werden kürzer und ich habe das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft.

Doch dieser Tag zeigt mir auch etwas anderes.

Um 14:28 Uhr möchte ich am liebsten alles hinschmeißen.

Um 17:19 Uhr habe ich gegessen, fühle mich wieder optimistischer und laufe weiter.

Und um 19:49 Uhr sitze ich schließlich in meinem Zelt an einem schönen Platz mit Aussicht.

Ein Tiefpunkt muss also nicht das Ende eines Tages sein.

18.861 Schritte liegen hinter mir.

Und Le Puy?

Nur noch 132 Kilometer. 🥾🌄

Buen Camino


Bilder des Tages 📷

Die Bilder des Tages zeigen einige ganz besondere Eindrücke meiner Etappe – von wunderschönen Obstplantagen mit verschiedenen Apfelsorten und interessanten Hinweisen zum Jakobsweg bis zu meinem persönlichen Höhepunkt am Abend: einem einmalig schönen und ruhigen Wildcampingplatz mit beeindruckender Aussicht, an dem ich mein Zelt für die Nacht aufschlug. 🍎🥾⛺🌄

💡 Gut zu wissen: Auf dem Jakobsweg von Lyon nach Le Puy

Auf dieser Etappe folgte ich dem GR®765, einem Fernwanderweg, der Lyon mit Le Puy-en-Velay verbindet und damit Teil des französischen Wegenetzes nach Santiago de Compostela ist.

Le Puy war für mich zu diesem Zeitpunkt längst zu einem wichtigen Zwischenziel geworden. Von dort beginnt mit der Via Podiensis eine der bekanntesten französischen Pilgerrouten Richtung Santiago.

Die Informationstafel am Weg erinnert außerdem an die jahrhundertealte Geschichte des Pilgerns nach Santiago und nennt vier große historische Routen durch Frankreich. Sie führten unter anderem über Le Puy, Vézelay, Tours und Toulouse in Richtung Pyrenäen und anschließend weiter durch Nordspanien.

Für mich hatte diese Tafel deshalb eine besondere Bedeutung: Ich lief nicht einfach nur irgendwie Richtung Le Puy – ich befand mich bereits auf einem ausgewiesenen Zubringer des französischen Jakobswegenetzes. 🥾🐚🇫🇷


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