Zweiter Ruhetag in Cahors
🌄 Dieser Tag auf meinem Weg
Eigentlich möchte ich heute vor allem eines wissen: Können meine neuen, aber bereits beschädigten Schuhe noch gerettet werden? Die Antwort des Schusters bringt Erleichterung – gleichzeitig bedeutet sie aber auch, dass ich länger als geplant in Cahors bleiben muss. So bleibt mir Zeit, die Stadt zu beobachten und über Menschen, Offenheit, Liebe und Achtsamkeit nachzudenken.
07:59 Uhr – ein ruhiges Frühstück
Es ist 07:59 Uhr. Ich sitze beim Frühstück.
Die Nacht war super, bin aber nicht ausgeschlafen. Um 09:00 Uhr möchte ich pünktlich beim Schuster sein.
Es ist ruhig beim Frühstück.
Ich empfinde, dass die jungen Leute es eher schwierig haben, sich zu öffnen. Sie verkriechen sich in ihre Handys und suchen den einfacheren Weg, sich auszutauschen?
Ich weiß es nicht.
Die ganz normale Welt außerhalb des Pilgerns, denke ich mir dabei.
Es ist eben ein Hostel und keine spezielle Pilgerherberge, wo sich ausschließlich die Pilger aufhalten. Das merkt man dann spätestens beim Frühstück.
Gestern hatte ich noch ein Gespräch mit Jack, einem älteren Herrn und Künstler. Er schreibt und malt, hat er mir erzählt.
Ich hatte eine schöne Konversation mit ihm.
Der Einstieg war simpel:
Ça va? Wie geht’s?
Heute ist er nicht da. Er ist gestern nach Paris gefahren.
09:44 Uhr – Die Schuhe können repariert werden
Ich habe die Schuhe um neun Uhr zur Reparatur gebracht.
Die Reparatur ist möglich, hat der Schuster gesagt.
Bis morgen um 17 Uhr werden die Schuhe fertig sein.
Ohhhhhhh.
Das heißt für mich, ich bleibe weitere zwei Tage in Cahors und im Hostel.
Was anderes bleibt mir leider nicht übrig.
Ich darf mich also hier beschäftigen, mir die Stadt anschauen und etwas machen, was mir guttut.
Französisch lernen oder einfach mal nichts machen.
Eine andere Welt als auf dem Pilgerweg
Wenn ich so durch die Stadt rumlaufe, merke ich, dass die Stadt im Vergleich zu der Natur und den Menschen, die man in der Natur trifft, eine völlig andere Welt ist.
In der Stadt läuft jeder mit Scheuklappen, die Offenheit fehlt, behaupte ich mal.
Oder verschließe ich mich selbst?
Das ist eine gute Frage.
Es ist eine Welt, in der jeder Einzelne eine Funktion erfüllt, wie ein Roboter. Ohne Gefühle und ohne Emotionen. Leer.
Vielleicht sogar seelisch kaputt?
Sich selbst entfremdet?
Könnte das sein?
Weiß nicht und ich möchte das nicht werten.
Monumente, Macht und Ehrfurcht
Die Monumente in einer Stadt sind natürlich beeindruckend.
Die Kathedralen sind beeindruckend.
Sie sind riesig, enorm. Es ist etwas, glaube ich, was die Menschen tief in ihrem Inneren massiv erschüttern soll.
Es vermittelt mir ein Gefühl von Macht, Stärke, Dominanz und Ehrfurcht vor dem Schöpfer?
Der Haken dabei?
Mir fehlt persönlich die Liebe, die sich in diesen Monumenten nicht widerspiegelt.
Vielleicht gab es im Aufbau und dem Erschaffen dieser monströsen und beeindruckenden Kathedralen diese Liebe.
Aber diese, meiner Meinung nach, fehlende Liebe spiegelt sich nicht im Außen und in der Öffentlichkeit.
Ich fühle eine Trauer und eine Verschlossenheit.
Es fehlt vielleicht die Brüderlichkeit?
Vielleicht muss man nur genauer hinschauen
Sie könnte auch schon hier sein, ohne dass ich sie aktuell und direkt wahrnehme.
Wenn ich an gestern denke, hat mich Murat mit seinem selbstgemachten Essen überrascht.
Und heute habe ich von meinem Zimmergenossen Schuhe überreicht bekommen, die ich nutzen kann, weil die anderen ja bis morgen in der Reparatur sind.
Die Brüderlichkeit und Liebe zeigen sich doch, wenn man achtsam ist?
Man sollte daher nicht unterschätzen und alles schwarzmalen.
Die Stadt ist eben die Stadt und nicht das Leben auf dem Land oder auf dem Pilgerweg.
Es ist etwas völlig anderes.
Vielleicht ist die Stadt auch eine Schule, eine große Schule, wo wir lernen, miteinander achtsam umzugehen?
Kann es sein?
Vielleicht. 🤷♂️
10:13 Uhr – Sonne am Lot
Es ist 10:13 Uhr.
Ich sitze draußen am Fluss Lot, nicht weit von einer Brücke, und die Sonne scheint mich seitlich an.
Sie erwärmt mich.
Darüber freue ich mich natürlich.
Die letzten Tage waren ja sehr verregnet.
Ich bin dankbar.
Es ist heute, fast wie gestern, schönes Wetter und mildes Wetter. Ein angenehmes Wetter.
Es sollte ab Cahors jetzt das mediterrane, südliche und mildere Wetter die Pilgerung begleiten.
Ich bin jedenfalls gespannt, wie die kommenden Tage sein werden.
Werden sie schön sein oder eher wild?
Gehen werde ich sie ohnehin, ohne eine Wertung dazu abzugeben.
Es kommt, wie es kommt, und ich darf die umliegenden Umstände akzeptieren.
Tagesbilanz
| Kategorie | Tag 117 |
|---|---|
| 😴 Tag | Zweiter Ruhetag in Cahors |
| 👟 Schuhe | beim Schuster – Reparatur ist möglich |
| ⏰ Abholung geplant | am nächsten Tag gegen 17 Uhr |
| 🌤️ Wetter | mild und sonnig |
| 🌊 Auszeit | am Fluss Lot |
| 🏡 Übernachtung | Hostel |
| 🛏️ 2 Tage Hostel | 41,50 € |
| 🥐 Snack | 5,10 € |
| 🥤 Getränk | 1,85 € |
| 💶 Genannte Ausgaben | 48,45 € |
| 🏃♂️ Schritte | nicht angegeben |
Fazit des Tages
Die wichtigste Nachricht dieses Tages kommt bereits am Morgen:
Meine Schuhe können repariert werden.
Das bedeutet zwar noch mehr Zeit in Cahors, aber vor allem bedeutet es, dass mein Jakobsweg wegen dieses Missgeschicks nicht zwangsläufig enden muss.
Und während ich durch die Stadt laufe und später in der Sonne am Lot sitze, beschäftigen mich ganz andere Fragen.
Warum empfinde ich die Menschen in der Stadt anders als die Menschen auf dem Pilgerweg? Fehlt hier wirklich die Offenheit und Brüderlichkeit – oder schaue ich selbst gerade nicht genau genug hin?
Murrats Essen von gestern und die geliehenen Schuhe meines Zimmernachbarn zeigen mir schließlich etwas anderes.
Vielleicht ist diese Liebe und Brüderlichkeit durchaus vorhanden.
Vielleicht muss man nur achtsam genug sein, um sie zu erkennen.
Und jetzt heißt es wieder warten.
Morgen um 17 Uhr sollen meine Schuhe fertig sein. 👟🙏
Buen Camino
💡 Gut zu wissen:
Cahors auf dem Jakobsweg
Cahors liegt in einer großen Schleife des Flusses Lot und ist ein bedeutender Ort an der Via Podiensis (GR 65). Besonders bekannt ist der imposante Pont Valentré, eine befestigte mittelalterliche Steinbrücke aus dem 14. Jahrhundert.
Mit ihren drei Türmen wirkt sie beinahe wie eine kleine Festung über dem Lot und gehört zusammen mit der Kathedrale Saint-Étienne im Rahmen der französischen Jakobswege zum UNESCO-Welterbe.
Auch die Kathedrale selbst ist sehenswert. Ihre großen Kuppeln und die Mischung aus romanischen und späteren gotischen Elementen machen sie zu einem der auffälligsten Bauwerke der Stadt. Für Pilger gibt es außerdem den Jardin de Saint-Jacques, der an die lange Verbindung zwischen Cahors und dem Jakobsweg erinnert.
Nach mehreren Tagen Aufenthalt habe ich Cahors natürlich anders erlebt als ein Pilger, der nur hindurchläuft. Vor allem der Pont Valentré und die Wege entlang des Lot sind mir dabei immer wieder begegnet – und wurden für mich fast zu einem kleinen Symbol meiner ungeplanten Pause in der Stadt.
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