Sarrebourg, Konsum und die Freude am einfachen Leben
Zeit: 12:30 Uhr
Ich habe alles erledigt.
Ich habe endlich die passende Gaskartusche!!!
Meine Freude ist damit ums Zehnfache gestiegen.
Jetzt kann kommen, was wolle.
Ich bin mit dem für mich Wichtigsten ausgestattet. Ich habe alles, was ein Mensch in der Wildnis – in meinem Fall auf französischem Boden – braucht, um zurechtzukommen.
Das neue Gas sollte mir locker bis zum Ende der Tour nach Spanien reichen. Auf jeden Fall aber durch Frankreich.
Dennoch bin ich von den vergangenen Tagen erschöpft und plane für heute keine weiteren Schritte.
Ich bin heute etwa fünf Kilometer nach Sarrebourg hineingelaufen, zum Supermarkt, und dieselbe Strecke wieder zurück.
Mein Zelt und meine ganzen Sachen habe ich erst gar nicht mitgenommen.
Warum auch?
Es wäre sinnlos gewesen, mein gesamtes Gepäck mit seinen rund 25 Kilogramm einmal hin und anschließend wieder zurückzuschleppen.
Sarrebourg liegt nämlich nicht direkt auf meiner Route.
Für die Gaskartusche habe ich diesen Umweg EXTRA in Kauf genommen.
Als ich schließlich in diesem riesigen Supermarkt stand, hat mich das gewaltige Sortiment mit all den Angeboten und Auswahlmöglichkeiten regelrecht erschlagen.
Meine Augen wurden riesig.
Seit Tagen hatte ich eine solche Menge an Waren nicht mehr gesehen.
Zum Glück hatte ich keinen Einkaufswagen genommen.
Ich hatte nur meine beiden Hände.
Und mehr, als ich darin tragen konnte, konnte eben nicht mit.
Der Rest musste bleiben.
Gott sei Dank.
So einfach regelte ich das für mich.
Aber ich muss gestehen:
Am liebsten hätte ich allerlei Zeug mitgenommen.
Und genau da merkte ich etwas Interessantes.
Wie schnell und plötzlich Bedürfnisse entstehen, von denen man wenige Minuten zuvor überhaupt nichts gespürt hat.🤯
Unterwegs, irgendwo auf dem Land, wenn ich all diese Dinge nicht sehe, fehlt mir auch nichts davon.
Doch sobald ich einen riesigen Supermarkt betrete und all diese Waren vor mir sehe, werden die Augen groß und der Hunger scheint plötzlich kaum noch zu stillen.
So empfinde ich es jedenfalls.
Gott sei Dank bin ich jetzt wieder bei meinem Zeltplatz.
Hier habe ich wieder meine Ruhe.
Zeit: 19:30 Uhr
Es ist ein Genuss.
Einfach dazuliegen.
Mich auszuruhen.
Zu schreiben.
Mich mit der französischen Sprache zu beschäftigen.
Mann, es ist einfach wunderbar.
Dafür gibt es kaum Worte.
Ich genieße meine Pilgerreise in vollen Zügen.
Die Natur.
Die Landschaft.
Das Schlafen unter freiem Himmel.
Es ist wahnsinnig schön.
Kein Stress.
Einfach Erholung mit allen Sinnen.
Die Menschen, die man trifft.
Die Gespräche, die man führt.
Die Tiere, die man sieht.
Unglaublich.
Ich bin vollkommen im JETZT.
Vollkommen im Sein.
Ich bin einfach ich.
Und ich darf einfach sein.
Voll im Leben.
Draußen regnet es.
Der Himmel ist bewölkt.
Aber ich bin geschützt.
Mein Tarp ist aufgebaut. Ich sitze darunter, bin im Trockenen und trotzdem mitten in der Natur.
Hier bleibe ich noch eine Weile.
Ich ruhe mich aus.
Ich spüre, wie meine Knochen diese Pause brauchen. Wie meine Muskulatur und meine Sehnen förmlich danach schreien, sich auszuruhen.
Wohin eigentlich die Eile?
Warum so schnell?
Es gibt keinen Grund.
Es gibt keinen Druck.
Ich gehe so schnell, wie ich eben gehe.
Denn ich muss nicht.
Keiner steht mit der Pistole hinter mir und zwingt mich weiterzugehen.
Wenn mein Körper eine Pause braucht, dann soll er sie bekommen.
Warum auch nicht?
Warum die Hektik?
Wozu die Hektik?
Für was denn all den ganzen Stress?
Lieber gemütlich
und in der Ruhe verbleibend.
Mit sinnlichen Gedanken,
mit Gemütlichkeit.
Mit Stock und Hut,
da geht’s ihm gut.
Dem Wanderer,
geschützt vor zu viel Sonne.
Durchquert er täglich schönes Land,
die Natur, die ihn umgibt.
Kostet gerne,
schätzt die Beeren und Früchte,
die er zahlreich wachsen sieht
und unterwegs pflückt.
Und empfindet dabei
recht viel Glück. 🍀
Persönliches Fazit – Wann haben wir eigentlich genug?
Heute wollte ich eigentlich nur eine Gaskartusche kaufen.
Und am Ende brachte mich ausgerechnet ein riesiger Supermarkt zum Nachdenken.
Seit Tagen lebe ich mit dem, was ich auf meinem Rücken tragen kann. Mein Zelt, mein Schlafsack, etwas Essen, Wasser und ein paar Dinge des täglichen Lebens.
Viel mehr brauche ich unterwegs nicht.
Und dann betrete ich einen großen Supermarkt.
Plötzlich sehe ich hunderte Dinge, die ich wenige Minuten zuvor überhaupt nicht vermisst habe.
Die Augen werden groß.
Das Verlangen entsteht erst in dem Moment, in dem all diese Möglichkeiten vor mir stehen.
Draußen in der Natur passiert mir das nicht.
Dort freue ich mich über Wasser, einen trockenen Schlafplatz, ein paar Beeren am Wegesrand, eine warme Mahlzeit oder einfach darüber, liegen zu können und nichts tun zu müssen.
Vielleicht zeigt mir der Jakobsweg gerade auch, wie wenig es braucht, um sich reich zu fühlen.
Am Abend liege ich unter meinem Tarp. Es regnet. Mein Körper bekommt seine wohlverdiente Ruhe und ich habe keinen Termin, keinen Zeitdruck und niemanden, der mir sagt, wann ich weitergehen muss.
Ich muss nirgendwo anders sein.
Ich darf einfach hier sein.
Und genau in diesem Moment fühlt sich das nach unglaublich viel an.
Nach purer selbstbestimmter Freiheit, die niemand einem nehmen kann
Buen Camino
Bilder des Tages 📸
Die Bilder des Tages erzählen von den kleinen Momenten unterwegs: einer zufälligen Begegnung am Wegesrand, der Suche nach einer passenden Gaskartusche und schließlich einem ruhigen Nachmittag am Nachtlager bei Sarrebourg .
Mit frisch gekochtem Kaffee, etwas Zeit zum Schreiben und der Gelegenheit, einfach den Moment zu genießen.

Direkt vor meinem Zelt öffnete sich der Blick über die weite, ruhige Landschaft. Solche Plätze habe ich in Frankreich immer wieder gefunden: viel Raum, wenig Enge und oft genügend Abstand, um eine Nacht ungestört zu verbringen. Auch dieses Nachtlager war genau so ein Ort – abgelegen, ruhig und mit viel Weite vor der Tür.

Unterwegs nach Sarrebourg begegnete mir diese neugierige Ziege am Wegesrand. Gerade solche kleinen tierischen Begegnungen haben mir unterwegs immer besonders viel Freude bereitet.
Sie waren oft völlig unerwartet, herzlich und sorgten für einen schönen Moment zwischendurch – eine kleine Begegnung, die mir in Erinnerung geblieben ist.

Bei Brico E.Leclerc hatte meine Suche schließlich ein Ende: Dort fand ich genau die Gaskartusche mit Schraubverschluss, die ich für meinen Kocher brauchte. Darüber war ich ziemlich erleichtert, denn damit war die warme Versorgung für die nächsten Tage wieder gesichert – vom frisch gekochten Kaffee bis zu den einfachen Mahlzeiten unterwegs.

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