Das verwehte Kind: Es windet und weht
Zeit: 15:50 Uhr
Heute windet es ohne Ende.
Besonders viel Freude habe ich deshalb nicht am Laufen.
Aber so ist es eben.
Es kommt, wie es kommt.
Man muss es nehmen, wie es ist.
Heute möchte ich möglicherweise an einem weiteren Campingplatz rasten und dort meine Akkus aufladen.
Zeit: 16:22 Uhr
Ich bin kurz vor dem Campingplatz und habe mir in einer Bäckerei erst einmal etwas zum Frühstück für morgen und etwas für heute Abend gekauft.
Ein Bier gibt es jetzt gleich.
„Bäcker Stoff“ heißt es.
Schmeckt richtig schön süffig und ist wirklich lecker.
Für später gibt es noch ein Desperados.
Für die verzweifelten Angestellten unter uns. 😄
An die denke ich dann, wenn ich das Bier trinke.
Zeit: 21:27 Uhr
Ich bin frisch geduscht und liege mittlerweile im Zelt.
Meine Powerbank ist geladen.
Mein Handy muss ich noch nachladen.
Alles in allem ist der heutige Tag gut verlaufen.
Bis auf den Wind.
Der hat mich den ganzen Tag ordentlich durchgepustet.
Besonders freundlich war das nicht.
Ich bin gespannt auf morgen.
Aber gerade beschäftigt mich noch eine ganz andere Frage:
Ist das hier eigentlich wirklich der Jakobsweg?
Oder mache ich einfach nur einen langen Trip mit meinem Zelt?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß gerade nicht einmal, ob das hier überhaupt der Jakobsweg ist.
Zeit: 22:38 Uhr
Okay.
Der Vorhang ist gefallen.
Die Balkontür hat sich geöffnet.
Ich habe es – Gott sei Dank – verstanden.
Ich bin auf dem richtigen Weg.
In Frankreich gibt es vier große historische Wege in Richtung Santiago:
- die Via Podiensis
- die Via Tolosana
- die Via Turonensis
- die Via Lemovicensis
Es gibt also nicht nur den einen Jakobsweg.
Viele Wege führen durch Frankreich und verbinden sich auf unterschiedliche Weise mit dem großen Netz der Pilgerwege nach Santiago de Compostela.
Und meiner ist einer davon.
Ich bin auf dem Weg.
Persönliches Fazit – Ist das überhaupt der Jakobsweg?
Heute kam plötzlich eine Frage in mir auf, die nach 19 Tagen unterwegs eigentlich etwas merkwürdig erscheint:
Bin ich überhaupt auf dem Jakobsweg?
Oder wandere ich einfach mit meinem Zelt durch Frankreich in Richtung Spanien?
Je länger ich darüber nachdachte, desto interessanter wurde diese Frage.
Ich war schließlich nicht auf einem einzigen, durchgehend vorgegebenen Weg gestartet. Ich war von meiner eigenen Haustür aufgebrochen und bewegte mich Stück für Stück in Richtung Santiago de Compostela.
Am Abend beschäftigte ich mich deshalb genauer mit den französischen Jakobswegen.
Und plötzlich machte es Klick.
Es gibt nicht nur diesen einen Weg.
Es gibt ein ganzes Netz aus historischen Pilgerwegen, Zubringerwegen und unterschiedlichen Routen, die seit Jahrhunderten Menschen in Richtung Santiago führen.
In diesem Moment fiel etwas von mir ab.
Ich war auf dem richtigen Weg.
Vielleicht besteht der Jakobsweg eben nicht darin, einer bestimmten Linie auf einer Karte zu folgen.
Vielleicht beginnt er in dem Moment, in dem man aufbricht und Santiago zum Ziel macht.
Mein Weg hatte vor meiner Haustür begonnen.
Und solange ich weiter in Richtung Santiago ging, war genau das mein Camino.
Bilder des Tages 📸
Die Bilder des Tages zeigen ein paar Eindrücke von meinem Aufenthalt auf dem Campingplatz in Gondrexange. Dazu gibt es einige Informationen über die verschiedenen Jakobswege in Frankreich und ihren Verlauf durch das Land.

Alle anderen Wege sind Zubringerwege, die letztendlich zu den eigentlichen Hauptwegen führen. Deswegen sah ich bis jetzt auch keine Markierungen des Jakobsweges, was mich in den letzten Tagen selbst etwas stutzig machte.
Die verschiedenen Hauptwege und deren Namen sind oben im Bild zu sehen.
Das bedeutet für mich: Der eigentliche Weg kommt erst noch – und damit vermutlich auch die vermehrten Begegnungen mit anderen Pilgern.
Ich bin jedenfalls gespannt. 🙄
💡 Gut zu wissen: die vier großen Jakobswege durch Frankreich
Wer vom „Jakobsweg“ spricht, meint nicht nur einen einzigen festgelegten Weg. Schon im Mittelalter führten verschiedene Pilgerrouten durch Frankreich in Richtung Santiago de Compostela.
Vier historische Wege spielen dabei eine besonders wichtige Rolle:
| Pilgerweg | Ausgangspunkt | Grobe Streckenführung |
|---|---|---|
| Via Podiensis | Le Puy-en-Velay | über Conques und Cahors Richtung Pyrenäen |
| Via Turonensis | Paris/Tours | über Tours und Bordeaux Richtung Spanien |
| Via Lemovicensis | Vézelay | über Limoges und Périgueux |
| Via Tolosana | Arles | über Toulouse und die Pyrenäen nach Spanien |
Diese vier Routen werden traditionell mit dem Codex Calixtinus aus dem 12. Jahrhundert in Verbindung gebracht, einem der bedeutendsten mittelalterlichen Texte zur Pilgerfahrt nach Santiago.
Für mich war diese Erkenntnis an meinem 19. Tag besonders wichtig. Ich war schließlich nicht irgendwo an einem bekannten Startpunkt losgelaufen, sondern direkt von meiner Haustür in Bad Wildbad.
Mein erstes großes Ziel war Le Puy-en-Velay. Dort wollte ich auf die Via Podiensis treffen und meinen Weg weiter in Richtung Spanien fortsetzen.
Und plötzlich wurde mir klar:
Es gibt nicht den einen Jakobsweg. Viele Wege können nach Santiago führen – und mein eigener hatte bereits vor meiner Haustür begonnen.
Weitere Bilder 📸
Ein paar weitere Eindrücke aus Gondrexange – vom Campingplatz am See, kleinen Entdeckungen im Ort und entspannten Momenten unterwegs.

Besonders froh war ich über den kleinen Laden im Ort, denn unterwegs sind solche Einkaufsmöglichkeiten alles andere als selbstverständlich.
Hier bekam ich frisches Brot, Baguette und einige Dinge für meinen Proviant. Mein Rucksack vor der Tür erzählt dabei eigentlich schon die ganze Geschichte: kurz einkaufen, Vorräte auffüllen und anschließend weiter zum Campingplatz.

Im kleinen Laden des Ortes gönnte ich mir auch ein Bier, das meiner Erinnerung nach aus der Region kam. Nach den vielen Kilometern unterwegs war das eine dieser einfachen kleinen Freuden: hinsetzen, das Bier genießen und für einen Moment einfach nichts weiter vorhaben.

Direkt beim Campingplatz öffnete sich der Blick auf den See und die weite Landschaft. Ob man hier offiziell baden konnte, wusste ich damals nicht und habe es auch nicht ausprobiert. Allein die Nähe zum Wasser machte diesen Platz für mich aber zu einem besonders angenehmen Zwischenstopp.

Auf dem Campingplatz in Gondrexange fand ich einen ruhigen, schattigen Platz, an dem ich mich erst einmal ausbreiten und von den zurückgelegten Kilometern erholen konnte.
Mein Rucksack stand erschöpft unter dem Baum, das Zelt habe ich gleich aufgebaut und der Picknicktisch bot mir einen angenehmen Platz für die Zeit auf dem Campingplatz.
Viele Wege, ein Ziel – auf dem Jakobsweg durch Frankreich nach Santiago
Die Jakobswege bilden ein weit verzweigtes Netz, das sich durch große Teile Europas zieht. Auch in Frankreich führen zahlreiche kleinere Wege und Zuwege zu den vier bekannten Hauptrouten.

So kann man im Grunde schon vor der eigenen Haustür aufbrechen und sich Schritt für Schritt einem der großen Pilgerwege anschließen. Viele dieser Wege führen schließlich in Richtung Saint-Jean-Pied-de-Port, wo für zahlreiche Pilger der Übergang auf den Camino Francés beginnt.
Von dort verläuft der klassische Jakobsweg quer durch Nordspanien bis nach Santiago de Compostela – viele unterschiedliche Wege, aber am Ende ein gemeinsames Ziel.
Weitere Berichte meiner Pilgerreise 🗺️
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2 Antworten auf „19. Tag auf dem Jakobsweg – das verwehte Kind 🍃“
Wir sind froh, daß du den Weg der Freiheit und Ruhe gefunden hast. Das ist NICHT für jeden. Was man so braucht auf….. steht in der Bibel, im neuen Testament.
Dankeschön 🍀bin auch froh in endlich gestartet zu haben. Schlafe seither übrigens richtig gut 😴