Durch Langres und einen mystischen Wald 🌳
🌄 Dieser Tag auf meinem Weg
Der 46. Tag beginnt frisch und mit einer unangenehmen Überraschung: 34 Euro für eine Nacht auf dem Campingplatz. Anschließend führt mich mein Weg durch Langres, wo ich Proviant für die kommenden Tage besorge und eine Begegnung habe, die mich lange über das Thema Geld, Hilfe und Eigenverantwortung nachdenken lässt. Später treffe ich erstmals Wanderinnen auf der Via Francigena, bevor mich mein eigener Weg nach rund 19 Kilometern durch einen mystisch anmutenden Wald zu meinem Nachtlager führt.
Zeit: 07:54 Uhr – Der Herbst kündigt sich heimlich an
Es ist 07:54 Uhr am Morgen.
Frisch ist es heute. Der Herbst kündigt sich heimlich an. Der Sommer ist definitiv passé.
Vorbei.
Jetzt wird es, über die Wochen gesehen, frischer und kühler. Nach und nach. Bis der Winter wieder da ist.
Natürlich nicht über Nacht.
Es passiert, so wie ich das beobachte, in sogenannten Wellen. Es kommen auch wieder wärmere Tage, aber schrittweise baut sich das ab und nach und nach wird es doch eher kälter.
Heute ist es frisch und windig.
Die Nacht war kühler als sonst. Im Schlafsack ist es aber kuschelig und angenehm gewesen. Ich hatte eine lange Hose und ein Shirt an.
Ich packe jetzt meine Sachen wieder zusammen und dann geht es in die Stadt Langres.
Die nächsten Etappen werden nicht einfach. Ich sehe keine Shops auf der Karte. Ich muss daher noch etwas an Proviant dazukaufen.
Was ich derzeit noch habe, wird mir nicht ausreichen, um die kommenden Tage mit Schmackes zu absolvieren.
Das wird gleichzeitig leider bedeuten, dass ich auch mehr Gewicht auf dem Buckel tragen muss als die Tage zuvor.
Zeit: 09:00 Uhr – 34 Euro für eine Nacht?!
So, das war JETZT der teuerste Campingplatz aller Zeiten.
34 Euro für die Nacht.
Mir ist die Kinnlade bis auf den Boden gefallen.
Dass es so etwas gibt, hatte ich nicht ahnen können. Einfach nur unglaublich.
Das darf man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Für was eigentlich?
So sind die Preise.
Ich bin völlig sprachlos.
Da gab es auch keine Diskussion mehr darüber, ob ich erst um 20 Uhr gekommen bin oder später.
Da muss ich in Zukunft voll aufpassen bei diesen Campingplätzen.
Aufregung nützt da nicht viel.
Obwohl mich das schon etwas wurmt, muss ich sagen.
Aber man lernt so auch dazu.
Man bekommt als Pilger halt nicht die Freikarte. Alles hat seinen Preis und man muss sich schon überlegen, wie man da für sich durchkommen möchte.
Nicht alles, was glänzt, ist auch Gold. Kennen wir alle nur zu gut.
Meine durchschnittlichen Ausgaben von fünf Euro werden deutlich höher sein.
Bei Gelegenheit werde ich mal die bisherigen Ausgaben zusammenbringen. Mal sehen, wie hoch die schon sind.
Jetzt frühstücke ich mal einen Notfallriegel.
Guten Appetit. 🙄
Zeit: 11:58 Uhr – Durch Langres
Ich bin durch Langres hindurchgelaufen.
Die Leute dort schienen nicht wirklich glücklich zu sein.
Man läuft hindurch wie durch einen Tunnel oder vergleichbar mit einer Großstadt. Keiner schaut einen an. Jeder läuft engstirnig die Gassen entlang.
Keiner lächelt oder grüßt einen wie bisher.
Ein seltsamer Ort.
Früher war das eine Art Festung oder Burg. Es gibt Stadtmauern rund ums Örtle herum.
Interessant, denke ich mir.
Diese Stadt muss in der Vergangenheit eine größere Bedeutung gehabt haben.
Ich kaufe das Nötigste in einem kleineren Shop für alles und bezahle 27 Euro für meinen Einkauf.
Die nächsten Tage werden richtig gewaltig.
Wer weiß, wann wieder etwas kommt.
Eine Begegnung, die mich zum Nachdenken bringt
Beim Reingehen in den Shop ist mir eine Person aufgefallen – einer wie ich, dachte ich.
Ein großer Rucksack, Regenschutz drüber. Vielleicht so um die 30 Jahre.
Ein Wanderer oder einfach nur ein Tourist?
Ich weiß es nicht.
Später, als ich alles eingekauft hatte und wieder durch die Stadt zu meiner Route ging, schaute ich noch einmal auf die Handymap, ob ich wirklich richtig bin.
Dabei schaute ich zurück und erkannte denselben jungen Mann.
Ich schaute auf die Map, wollte gerade losziehen und plötzlich war er auch schon vor meiner Nase.
Er war Franzose.
Ich habe nicht richtig verstanden, was er gerade macht, aber verstanden, dass er Geld zum Essen braucht und ob ich nicht etwas für ihn hätte.
Ich dachte nur:
Oh mein Gott. Das gibt es ja gar nicht.
Noch einmal so eine ähnliche Person wie damals in Toul. Dazu komme ich später.
Jedenfalls fragte ich ihn, ob er Englisch sprechen könne. Ich verstand ihn nämlich nicht.
„A little“, sagte er.
Ich möchte dazu auch sagen: Er sah nicht arm aus. Er sah gepflegt aus. Schöne kurze Hose. Alles irgendwie neuwertig. Vom Kopf bis Fuß.
Ich erklärte ihm auf Englisch, dass ich, wenn ich mal an den Punkt kommen sollte, an dem ich kein Geld habe, schleunigst nach Arbeit suchen würde.
Ich sehe das persönlich nicht ein, jemandem etwas zu geben, der schon von außen betrachtet genug hat.
Er sah nicht verwildert aus oder Ähnliches.
Er sah gut aus. Gut angezogen etc.
Hallo!!! Geht’s eigentlich noch???
Dachte ich.
Mich nach Geld zu fragen?
Ich gebe nichts.
Ich sehe es nicht ein.
Vor allem, wenn man zwei gesunde Hände und Füße hat.
Meine Theorie über den einen oder anderen Bettler
Meine Theorie geht jetzt dahin, dass Pilger, die nach Santiago oder sonst wohin gehen, wie ich einer bin, möglicherweise zunehmend als Menschen wahrgenommen werden, bei denen man nach Geld fragen kann.
Anders kann ich mir das nicht erklären.
Denn in Toul hatte ich, wie vorhin kurz angesprochen, einen ähnlichen Fall.
Da fragte mich eine junge, gutaussehende Mama nach Geld. Sie saß mit ihrer jungen Tochter dort, ihr älterer Sohn stand mit einem Scooter daneben.
Ich lief nichts denkend vorbei und hörte eine Stimme hinter mir herrufen, als ich schon fast weg war.
Auch diese junge Dame wollte Geld.
Und ich gebe da nichts.
Ich gebe höchstens einen Ratschlag, was ich auch tat.
Denn aus meiner damaligen Sicht gibt es staatliche Unterstützung für Menschen, die sie benötigen. Ich selbst war auch schon weit unten und weiß aus eigener Erfahrung, dass man Unterstützung bekommen und wieder auf die Beine kommen kann.
Natürlich muss man auch bereit sein, diese Hilfe anzunehmen.
Ich bin selbst nie auf die Idee gekommen, mir Geld zu erbetteln.
Auch nicht, als ich im Jahre 2017 mit 15 Euro meine Tour bis Hamburg durchgeführt habe.
Ich würde immer nach Arbeit suchen, wenn es nicht anders gehen sollte 🧑🏭
Sollte ich in eine Notsituation kommen, warum auch immer, so würde ich nach Arbeit suchen.
Und das habe ich damals auch gemacht.
In Köln habe ich mich nach Arbeit umgeschaut und für zwei Wochen über eine Zeitarbeitsfirma einen Job in einer Motorenfabrik angenommen.
Auf dem Campingplatz habe ich gelebt und zusätzlich dort ein paar Tage als Spüler gearbeitet.
Wem kann ich helfen?
Das ist für mich die Frage.
Oder:
Wem könnte ich helfen? Wer sucht Hilfe bei irgendetwas?
Es gibt immer etwas zu tun.
Ich würde alle meine Sinne darauf ausrichten, etwas zu finden, bei dem ich helfen könnte.
Das macht in meinen Augen einfach mehr Sinn.
Etwas gibt es immer.
Man darf gerne anfangen, danach zu suchen.
Dann findet man schon etwas.
Da bin ich mir sicher.
Aber einfach nur auf einer Treppe oder in einer Straße zu sitzen, zu warten und zu hoffen oder einen unbekannten Menschen nach Geld zu fragen?
Nö.
Das finde ich nicht in Ordnung.
Da bin ich raus.
Das unterstütze ich nicht.
👉 Eine Anmerkung zum Fragen fremder Menschen nach Geld
Bist du immer (noch) ein erwachsenes Baby? Oder kannst du dir deinen Fisch selbst fangen?
Vielleicht denkt einer von euch:
Hey Jakob, sei nicht so geizig.
Ich sage dazu nur:
Warum geizig?
Was hat das mit Geiz zu tun?
Wem hilft es, wenn ich jemandem Fisch, Brot oder Geld vor die Füße werfe?
Wie lange kann er davon leben?
Am nächsten Tag braucht er wieder das Gleiche und steht mit ausgestreckter Hand wieder auf der Straße.
Diese Menschen sind doch ausgewachsen und doch sind sie, meiner damaligen Wahrnehmung nach, wie Kinder, die sich selbst nicht helfen können und Hilfe von außen benötigen.
Symbolisch gesprochen haben sie nicht gelernt, wie man sich selbst einen Fisch fängt.
Oder sie wollen es nicht wissen.
Oder sie sind sich zu schade.
Wird es dann nicht irgendwann Zeit, es zu erlernen?
Ich finde schon.
Denn helfen tue ich dieser Person meiner Ansicht nach nicht nachhaltig, wenn ich ihr einfach Fisch, Brot oder Geld vor die Füße lege.
Deswegen gebe ich da nichts.
Es sei denn, die Person macht irgendetwas – musiziert, zeichnet oder sonst etwas.
Ich weiß es nicht.
Man sollte sich meiner Meinung nach überlegen, was man für andere tun könnte.
Ein Baby kann das natürlich noch nicht.
Aber ein Erwachsener?
Normalerweise schon.
Zeit: 13:23 Uhr – Meine ersten Wanderinnen auf der Via Francigena
Ich treffe die erste junge Wanderin.
Ich schätze sie auf ungefähr 20 Jahre.
Eva heißt sie und kommt aus Washington, D.C. in Amerika.
Sie macht eine andere Tour:
Via Francigena.
Eine interessante Tour, über die ich bei Gelegenheit mal etwas mehr erfahren möchte.
Eine Stunde später treffe ich eine ältere Dame aus Belgien.
Sie macht dieselbe Tour.
Zeit: 19:18 Uhr – Durch einen mystischen Wald
Ich bin an meiner Destination für heute angekommen.
Glaube ich zumindest.
Ich will nicht mehr weitergehen.
Nach 19 Kilometern reicht es mir einfach.
Die Füße brennen und brauchen eine Pause.
Vorhin bin ich eine längere Weile durch einen mystischen Wald gelaufen.
Ich kann es anders nicht erklären.
Es war einfach so.
Die Bäume waren hoch. Sie waren teilweise schon tot und vom Efeu umschlungen.
Einige Bäume – nicht wenige – waren umgebrochen und versperrten den Weg.
Es war wie in einem Dschungel.
Obwohl ich noch nie in einem war.
Aber um das Bild zu kreieren und der Vorstellung einen Schubs zu geben, belasse ich es dabei.
Dieser Weg ging gefühlt ewig.
Links und rechts diese alten, langen, teilweise toten und von Efeu umschlungenen Bäume.
Dann die Bäume, die umgekippt waren.
Entweder vom Wind aus dem Boden gerissen oder vielleicht vom Blitz getroffen, in der Mitte gespalten und zerborsten.
Manchmal versperrten sie den Weg und man musste sich regelrecht durchkämpfen.
Irgendwie ein unheimlicher Weg.
Von diesen Wegen gibt es hier in Frankreich nicht wenige.
Schon einige ähnliche Wege bin ich gelaufen. Teilweise gab es rechts einen Abgrund, bei dem man sich fragen muss:
Wie sicher ist dieser Weg eigentlich für mich?
Rutscht womöglich gleich ein Stück des Weges ab in die Tiefe?
Und wer findet mich dann?
Zum Glück ging bisher alles gut.
Wenn es stark regnen oder extrem winden würde?
Ich weiß nicht.
Sicher würde ich mich da nicht fühlen.
Ein Abenteuer ist das definitiv.
Aufpassen sollte man aber auch nicht wenig.
Gerade wenn es stürmt und peitscht, kann es gefährlich werden.
Die Bäume sind alt.
Sie können jederzeit umkippen.
Tagesbilanz
| Kategorie | Tag 46 |
|---|---|
| Schritte | 34.850 |
| Strecke | ca. 19 km |
| Übernachtung | Wildcamping |
| Ausgaben | 61 € |
| Davon Campingplatz | 34 € |
| Einkauf in Langres | ca. 27 € |
| Distanz bis Le Puy | 536 km |
| Größerer Ort | Langres |
| Begegnungen | Eva aus den USA & Wanderin aus Belgien |
| Besonderheit | Begegnungen mit Wanderinnen der Via Francigena |
| Landschaft | langer, verwachsener und teilweise versperrter Waldweg |
Fazit des Tages
Tag 46 war wieder einmal ein Tag voller Gegensätze.
Am Morgen ärgerte ich mich noch gewaltig über die 34 Euro für den Campingplatz. In Langres folgte eine Begegnung, die bei mir viele Gedanken über Geld, Arbeit, Hilfe und Eigenverantwortung ausgelöst hat. Das waren meine Gedanken in diesem Moment – geprägt von meinen eigenen Erfahrungen und meiner damaligen Situation unterwegs.
Dann änderte sich der Tag.
Mit Eva aus Washington, D.C. und später einer Belgierin begegneten mir plötzlich gleich zwei andere Fernwanderinnen. Besonders interessant fand ich, dass beide auf der Via Francigena unterwegs waren.
Und schließlich dieser Wald.
Alte Bäume, Efeu, umgestürzte Stämme und ein Weg, der sich scheinbar endlos hindurchzog.
Am Morgen ging es noch um Campingplatzpreise und Proviant.
Am Abend stehe ich wieder irgendwo draußen, habe 34.850 Schritte hinter mir und nur noch 536 Kilometer bis Le Puy vor mir.
Ein weiterer Tag ist geschafft – und der Weg führt weiter.
Buen Camino
Bilder des Tages 📸
Dieser Tag bot besonders viele Motive – von den alten Gassen und historischen Bauwerken in Langres, darunter die Porte Henri IV, über weite Aussichten und kleine Dörfer bis hin zu den verwachsenen Wegen und beinahe mystisch wirkenden Wäldern, die mich später auf meiner Etappe begleiteten.









































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Die Menschen heute sowie auch der Staat selbst sind Parasiten, die suchen wie man den Nächsten ausraubt, statt zu geben. „geben ist seelisch als nehmen“. Ich habe mich entschieden arbeiten zu gehen, statt ein Parasit zu werden und bin bis jetzt fit und tue immer etwas. Ich bin mit dir einverstanden.
Beim Staat ist es so, der Staat nimmt und der Staat gibt. Früher hat er nur genommen. Heute gibt er auch was. Keiner muss hungern und keiner muss draußen unter der Brücke schlafen. Früher, länger wo es den sozialen Staat noch nicht gab, war es anderester 👀
Johannes 12:8
In Apostel Geschichte 3:6 steht das, was du dem Jungen Mann gesagt hast. PS. : Geld von mir kriegst du nicht, aber steh auf und such dir eine Arbeit.
Ja das stimmt. Das habe ich gelesen… 😀