Flip-Flop-Einlagen und ein vergessener Märchenwald
🌄 Dieser Tag auf meinem Weg
Improvisieren, weiterlaufen und nachdenken: Tag 48 beginnt mit einer ungewöhnlichen Idee – aus meinen Flip-Flops baue ich kurzerhand neue Schuheinlagen. Und tatsächlich: Es funktioniert! Danach führt mich mein Weg durch einen wilden, beinahe vergessenen Märchenwald, vorbei an Vivey und Lamargelle. Eine traurige Stimmung in einem der Dörfer bringt mich über Abschied, Tod und das Loslassen ins Nachdenken. Nach 14 Kilometern finde ich schließlich wieder eine ruhige Wiese für die Nacht – nur die Blutsauger lassen mich später nicht wirklich schlafen.
Zeit: 07:22 Uhr – Ein frischer Morgen
Es ist 07:22 Uhr.
Frisch ist es am Morgen. Ich liege gemütlich im Schlafsack. Der Kaffee kocht derweil.
Auch heute wird es viel durch den Wald gehen.
Das kleine Dorf Grancey-le-Château möchte ich heute erreichen. Ob ich es schaffe, weiß ich nicht. Ich kann auch nicht sagen, wie viele Kilometer es bis dahin sind.
Frühestens morgen Abend oder am darauffolgenden Tag erreiche ich wieder eine größere Stadt – Marcilly-sur-Tille.
Dazwischen sind einige kleinere Dörfer, die ich passieren werde.
Zeit: 09:15 Uhr – Meine Flip-Flops werden zu Schuheinlagen
Vorhin im Zelt kam mir die Idee, aus meinen bestehenden Flip-Flops einfach mal Schuheinlagen zu basteln.
Ich dachte:
Ich riskiere es. Was kann schon schiefgehen?
Also tat ich das.
Voilà.
Ich präsentiere …
meine selbstgemachten Schuheinlagen.

Zeit: 10:52 Uhr – Es geht los
Ich starte.
Mein Rucksack ist gepackt und es geht los.
Ich bin richtig gespannt, wie es sich heute mit den Schuheinlagen läuft.
Mein Rucksack wiegt, was mich natürlich erfreut, derzeit nur 19,88 kg.
Zeit: 11:50 Uhr – Die Einlagen funktionieren
Ich mache die erste Pause und trinke einen Schluck Wasser.
Mit den neuen Einlagen läuft es derweil gut.
Ich bin erfreut. 😁
Zeit: 12:07 Uhr – Schon wieder versperrt ein Baum den Weg
Ich komme an einen Abschnitt des Weges, wo der Weg von einem gestürzten Baum versperrt ist.
Es ist ein großer Baum.
Ich versuche jetzt, einen Weg zu finden, um den Baum zu umgehen.
Fünf Minuten später:
Ich hab’s geschafft.
Es ist schon krass, was für Wege man hier durchläuft.
Mein Eindruck:
Hier kümmert sich niemand um die Wege.
Ich behaupte mal, in 15 Jahren – vielleicht weniger, vielleicht auch später – werden diese alten Wege nicht mehr passierbar sein, sofern nichts gemacht wird.
Hier muss man auf alle Fälle ein fortgeschrittener Wanderer sein.
Andernfalls geht man hier völlig verloren.
Meiner Meinung nach. 😬
Zeit: 12:26 Uhr – Wie in einem vergessenen Märchenwald
Ich laufe durch einen Abschnitt des Waldes, der mir wie ein vergessener Märchenwald vorkommt.
Ich mache ein paar Fotos.
Es ist ein alter Wald, der völlig sich alleine überlassen ist.
Eine Art Bannwald.
Hier wird überhaupt nichts gemacht.
Nichts geforstet, aufgeräumt, gesägt oder gefällt.
Alte, tote Bäume, die aufgrund Lichtmangels umgefallen sind oder einfach blattlos und ausgetrocknet dastehen.
Vielleicht warten sie auf den nächsten stärkeren Wind, der sie umwirft.
Hier ist klar ersichtlich:
Derjenige Baum mit der meisten Lichtausbeute überlebt.
Die anderen schaffen es nicht.
Der Wald ist dicht bewachsen.
Ein interessanter Wald und auch ein sehr gefährlicher Wald, würde ich mal behaupten, wenn es weht, wildert und stürmt.
Zeit: 13:06 Uhr – Fünf Kilometer geschafft🥳
Ich mache eine Pause und esse meinen letzten Apfel.
Fünf Kilometer bin ich bisher gelaufen.
Also rund 2,5 km pro Stunde laufe ich im Schnitt.
Zeit: 13:28 Uhr – Raus aus dem schwierigen Waldabschnitt
Seit fünf bis zehn Minuten ist erst einmal der schreckliche Abschnitt des Waldes passé.
Gott sei Dank auch.
Auf Dauer ist das auch kein Zustand.
Hier muss dringend was gemacht werden!!!
Zeit: 14:20 Uhr – Gedanken über Abschied und Loslassen
Ich mache eine Pause.
In Vivey, als ich durchgelaufen bin, stand die komplette Dorfstimmung auf Trauer.
Es gab keine typische Begrüßung mit „Bonjour“ – schönen Tag –, denn es war für die Angehörigen und Bekannten verständlicherweise kein schöner Tag.
Abschied nehmen ist in manchen Fällen eben so.
Es ist schwer und oft tut es sehr weh.
Es schmerzt in der Seele.
Das Loslassen ist nicht einfach!
Das verstehe ich zu gut.
Ob es schlechte oder sonstige Gewohnheiten sind oder ein geliebter Mensch.
Dabei kann es auch etwas Schönes sein.
Der Aufbruch ins neue Leben, mit neuen Chancen, mit neuen Gewohnheiten – hoffentlich guten, gesunden oder förderlichen Gewohnheiten, die einen weiter im Leben bringen.
Etwas Schönes hervorbringen.
Aber wir sehen gewohnheitsmäßig erst einmal den Verlust, den wir erdulden müssen.
Wir sehen da nichts Gutes.
Was soll da schon Gutes sein?
Ein Mensch, ein geliebter Mensch, ist gegangen.
So sind wir.
So sind alle.
Wir können uns nicht darüber freuen.
Das fällt uns richtig schwer.
Auch ICH bin nicht viel anders.
Ich bin auch wie viele andere.
Und deswegen gibt es auch keinen schönen Tag heute.
Bonjour.
Zwei haben aber gegrüßt.
Also doch ein schöner Tag?
Die Seele des Menschen ist wieder zu Hause.
Darüber kann man sich doch freuen?
Sie hat im Laufe des Lebens zahlreiche Erfahrungen gesammelt und irgendwann wird es Zeit – nach Hause zu gehen, zu dem Ort, aus dem wir alle herkommen.
Wir dürfen uns gerne darüber freuen, denke ich.
Welche Mutter, welcher Vater freut sich nicht darüber, wenn die geliebte Tochter oder der geliebte Sohn nach Hause kommt?
Im größeren Kontext sehe ich das genauso.
Es ist ein Ort vollkommener Liebe, Geborgenheit, Wärme.
Ein friedlicher Ort und in menschlichen Worten kaum zu beschreiben.
Und irgendwann sehen wir uns spätestens dort, in unser aller Heimat, alle wieder.
Es ist niemand verloren.
Halleluja!!!!
Wir dürfen uns freuen.
Wir dürfen uns JETZT freuen und wir dürfen uns später freuen.







Zeit: 16:20 Uhr – Ein schöner Ausblick
Ich mache eine weitere Pause und erfreue mich an einem sehr schönen Ausblick. 👀

Zeit: 16:41 Uhr – Lamargelle
Ich passiere die Ortschaft Lamargelle.
Zeit: 21:00 Uhr – Eine Wiese für die Nacht
Kurz nach dem Verlassen von Lamargelle entdeckte ich eine wunderschöne Wiese in einer sehr ruhigen Lage und entschloss mich, für heute hier niederzulassen.
Zuerst meditierte ich, machte ein paar Dehnübungen, dann begann ich, eine Kleinigkeit zu kochen.
Reis mit Linsen, Knoblauch und dazu drei verschnittene Würstchen.
Mann, war das lecker.
Ich liebe es, selbst zu kochen und es dann zu genießen.
Selbst ist der Mann, dann ist er Mann.
Oder?
Dann meditierte ich wieder.
Jetzt liege ich im Zelt und …
👉 schreibe. 😜
Alles Liebe und gute Nacht. 😴👀😘
Zeit: 02:33 Uhr – Von wegen gute Nacht …
Mit dem Schlafen läuft es (doch) nicht so gut.
Vollmond?
Ist das der Grund?
Ich verstehe es nicht.
Zudem juckt es überall.
Gestern Abend wurde ich gebissen ohne Ende.
Überall diese Blutsauger.
Es ist zum Verrücktwerden … 🤯
Tagesbilanz
| Kategorie | Tag 48 |
|---|---|
| Schritte | 19.940 |
| Strecke | ca. 14 km |
| Rucksackgewicht | 19,88 kg |
| Übernachtung | Wildcamping |
| Ausgaben | keine |
| Distanz bis Le Puy | 505 km |
| Orte unterwegs | Vivey, Lamargelle |
| Tagesziel ursprünglich | Grancey-le-Château |
| Improvisation | Schuheinlagen aus Flip-Flops |
| Besonderheit | wilder, teilweise schwer passierbarer Wald |
| Nacht | Schlafprobleme und viele Insektenstiche |
Fazit des Tages
Manchmal braucht es auf diesem Weg keine perfekte Ausrüstung, sondern einfach eine Idee.
Meine Füße hatten mir am Vortag deutlich gezeigt, dass die dünnen Sohlen meiner Schuhe zunehmend zum Problem werden. Also wurden heute kurzerhand meine Flip-Flops geopfert und zu Schuheinlagen umfunktioniert.
Und siehe da:
Es funktionierte.
Der Weg selbst hatte anschließend wieder seinen ganz eigenen Charakter. Teilweise kam ich mir in diesem alten, verwachsenen Wald tatsächlich wie in einem vergessenen Märchenwald vor. Umgestürzte Bäume, tote Stämme und Wege, bei denen man sich seinen Durchgang teilweise selbst suchen muss.
Ganz anders wurde die Stimmung in Vivey. Die Trauer, die ich dort wahrnahm, brachte mich ins Nachdenken über Abschied, Loslassen und meine Vorstellung davon, was nach unserem Leben kommen könnte.
Am Abend wurde es wieder ganz einfach:
Eine Wiese. Meditation. Ein selbst gekochtes Essen. Mein Zelt.
Eigentlich der perfekte Abschluss.
Wenn da nicht diese verdammten Blutsauger gewesen wären.
19.940 weitere Schritte liegen hinter mir.
Und auf einmal steht bei der verbleibenden Entfernung eine Zahl, die sich schon ganz anders anhört:
Nur noch 505 Kilometer bis Le Puy.
Buen Camino
Bilder des Tages 📸
Die Bilder des Tages zeigen die vielen unterschiedlichen Seiten dieser Etappe.
Vom verwachsenen und beinahe vergessenen Märchenwald über weite Landschaften und interessante alte Häuser in den kleinen französischen Dörfern bis hin zu meinem ruhigen Platz für die Nacht und dem selbst gekochten Essen, mit dem dieser abwechslungsreiche Tag langsam zu Ende ging.


















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2 Antworten auf „48. Tag auf dem Jakobsweg – Außerhalb von Lamargelle 🏕️“
Die Menschen sind gefangen, sie können nicht herrschen über das, was sie haben (seinen Besitz, sein Land, Haus, seinen Körper). Diese Welt lenkt ständig den Mensch vom Leben in jetzt ab und im Kopf ist, daß, was du gesehen hast, ein Bild im Wald, mit getrockneten, gefallenen und kahlen Bäumen. Die meisten Menschen sterben nur noch nach mehr Geld und verpassen das Leben, die wahre Liebe, sein eigenen Weg.
Jeder ist hier (auf der Erde) um sein eigenen Weg zu gehen, sein Leben zu Leben und nicht von jemandem Anderen.