11. Tag auf dem Jakobsweg – Pausentag und eine kleine Überraschung
Zeit: 08:44 Uhr
Ich bin schon länger wach. Erst jetzt mache ich mir einen Kaffee.
Für heute habe ich beschlossen, einen Pausentag einzulegen.
Ich habe hier einen einigermaßen gemütlichen Platz gefunden, und auch meine rechte Schulter, die unter dem Gewicht des Rucksacks täglich in Mitleidenschaft gezogen wird, kann die Ruhe gut gebrauchen.
Selbst meine Füße mit den mittlerweile drei Blasen könnten etwas Erholung und frische Luft zur Unterstützung der Selbstheilung gut vertragen.
Heute und auch in den nächsten drei Tagen soll das Wetter eher regnerisch werden. Für meine geplante Regeneration kommt mir das sogar entgegen.
Ein kleines Wunder erlebte ich heute Morgen.
Ich machte mir Gedanken darüber, woher ich neues Wasser bekommen sollte. Zwar hatte ich noch etwas Vorrat, aber eben nicht mehr besonders viel.
Als ich aus dem Zelt trat, ließ ich meinen Blick eine Weile schweifen. Vielleicht dachte ich nach. Vielleicht saß ich aber auch einfach nur da und war ganz im HIER und JETZT.
Plötzlich fiel mir etwas auf.
Es hatte doch in der Nacht geregnet.
Da ich am Abend zuvor ein größeres Überzelt über mein Zelt gespannt hatte, hatten sich darauf drei größere Wasserpfützen gebildet.
Ich musste lächeln.
Was für ein kleines Wunder.
Mir ging sofort durch den Kopf:
„Dem Himmel sei Dank.“
Das Wasser, über das ich mir kurz zuvor noch Sorgen gemacht hatte, lag direkt vor meiner Haustür.
Ich musste es nur noch auffangen.
Manchmal sind die einfachsten Lösungen bereits da.
Man muss sie nur erkennen.
Persönliches Fazit
Dieser Moment wird mir wahrscheinlich noch sehr lange in Erinnerung bleiben.
Objektiv betrachtet waren es nur ein paar Pfützen Regenwasser auf meinem Überzelt. Für mich persönlich war es jedoch viel mehr als das.
Nur kurze Zeit zuvor hatte ich mir Sorgen gemacht, wie ich an neues Wasser kommen würde. Und dann lag die Antwort plötzlich direkt vor meiner Haustür. Ich musste nichts suchen, nichts organisieren und keinen Umweg gehen. Das Wasser war einfach da.
In diesem Augenblick fühlte ich mich tief gesegnet.
Es war, als würde Gott mir zeigen, dass ich mich nicht um alles gleichzeitig sorgen muss. Dass es Situationen gibt, in denen wir loslassen dürfen, weil sich manches auf eine Weise fügt, mit der wir vorher nicht gerechnet hätten.
Ob andere diesen Moment ebenfalls als Wunder bezeichnen würden, weiß ich nicht. Für mich war es eines. Nicht wegen der Größe des Ereignisses, sondern wegen der Wirkung, die es auf mein Herz hatte.
Gerade auf dem Jakobsweg habe ich immer wieder erlebt, dass die größten Geschenke oft die kleinsten sind – ein freundliches Gespräch, ein unerwarteter Schlafplatz, ein Stück Obst oder eben ein paar Pfützen Regenwasser, die im richtigen Moment zu einer Antwort auf meine Sorgen wurden.
Begegnung am Abend
Am Abend kam ich noch mit einem Mann ins Gespräch, der dort in der Nähe lebte. Ich vermute, dass ihm sogar das Grundstück gehörte, auf dem ich mein Zelt aufgebaut hatte. Ganz sicher weiß ich das allerdings nicht.
Zu meiner Überraschung sprach er fließend Deutsch.
Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Wir unterhielten uns eine ganze Weile über das Elsass und darüber, warum hier so viele Menschen sowohl Französisch als auch Deutsch sprechen. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir gar nicht bewusst, dass Deutsch in dieser Region noch so verbreitet ist. Umso schöner war es für mich, mich nach mehreren Tagen unterwegs ganz selbstverständlich in meiner Muttersprache unterhalten zu können.
Das Einzige, was er mich fragte, war, ob ich noch eine weitere Nacht bleiben würde.
Ich antwortete ihm, dass ich am nächsten Morgen weiterziehen werde.
Damit war das Thema auch schon erledigt.
Niemand machte mir Vorwürfe oder schickte mich weg. Im Gegenteil – ich wurde dort einfach in Ruhe gelassen. Das empfand ich als sehr angenehm und respektvoll.
Auf dem Grundstück standen außerdem ein paar Apfelbäume. Ich nahm mir ein oder zwei Äpfel – mehr braucht man ohnehin nicht.
So ging ein ruhiger Pausentag mit einer weiteren schönen Begegnung zu Ende.
Gerade diese kleinen, ungeplanten Gespräche mit Menschen am Wegesrand sind es, die den Jakobsweg für mich so besonders gemacht haben. Oft bleiben nicht die großen Sehenswürdigkeiten in Erinnerung, sondern die Offenheit, die Herzlichkeit und die Menschlichkeit, die mir immer wieder begegnet sind.
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